"KURIER"-Kommentar von Anneliese Rohrer: "Wie unmenschlich darf Politik denn sein?"

Wegen interner Kämpfe könnte das nächste Opfer im BZÖ Petzner heißen.

Wien (OTS) - So grausam kann Politik auch sein: Da darf sich ein junger Mann in einem emotionalen Ausnahmezustand tagelang öffentlich um Ansehen und Zukunft reden, bis jemand die Überforderung bemerkt und die Stopp-Taste drückt. Wenn irgendjemandem im BZÖ etwas an dem Menschen Stefan Petzner liegt, dann wird er nicht zum Klubchef im Nationalrat gewählt und nicht an die Spitze der Partei gestoßen.
Sollten die BZÖ-Vertreter Petzner aus Gründen der internen Rat-und Maßlosigkeit dennoch vorschieben, würde es sich um einen Fall von parteitaktischemMissbrauch einer Person handeln. Man kann, soll und darf von einem 27-Jährigen mit seiner politischen Vita nicht verlangen, dass er als Verhandler und Sachpolitiker auf dem glatten Parkett der Bundespolitik reüssieren muss, nur weil die internen Machtverhältnisse im BZÖ nicht geklärt sind. Tut man es dennoch, dann nur, weil sich der eine oder andere verstärkte Macht und größeren Einfluss im Hintergrund verspricht. Es scheint nicht wenige im BZÖ zu geben, die glauben, Petzner steuern und manipulieren zu können - in völliger Gleichgültigkeit der Verfassung und der Möglichkeiten des Betroffenen gegenüber. Das alles hat mit jener Pietät, die alle im BZÖ ständig beschwören, rein gar nichts zu tun.
Im Gegenteil: Man ist dabei , einen Menschen zu ruinieren, der Jörg Haider offensichtlich wichtig war. Wenn Ewald Stadler jetzt allerorts das Hohelied auf Petzner singt, sollte das alle stutzig machen.Wie viel verspricht sich Stadler von einer Marionette Petzner und deren absehbarem Scheitern für den eigenen machtpolitischen Vorteil?
Wahrscheinlich ist Jörg Haiders Schwester, Ursula Haubner, dazu aufgerufen, dies zu verhindern. Sie hat sicher genug Empathie, um das Tragische an diesem haltlosen - im wahrsten Sinn des Wortes - jungen Mann zu erkennen. Und sie hat auch genügend Erfahrung in der Politik und genügend Kenntnis der letzten Jahre, um zu wissen, dass populistische Gruppierungen allerorts von ihren Anführern abhängen. Kaum je gelang es, ein Machtvakuum an der Spitze zu füllen.
Nur zwei Beispiele für viele: Der niederländische Rechtspopulist Pym Fortuyn errang sensationelle Erfolge und seine Lijst Fortuyn auch nach seinem gewaltsamen Tod durch ein Attentat 2002 sofort 26 Sitze und eine Regierungsbeteiligung. Danach kam es zu internen Machtkämpfen und dem Ende 2006.
Oder Ronald Schills "Partei Rechtsstaatlicher Offensive" in Hamburg. Sie fiel von 19,4 Prozent der Stimmen im Jahr 2003 nach der Amtsenthebung Schills als Innensenator, einer Serie von Skandalen, internen Machtkämpfen und dem Parteiauschluss Schills in die Bedeutungslosigkeit. Es ist dieser Art von Bewegungen immanent, dass bei Verlust ihrer "Lichtgestalt" die personelle und inhaltliche Leere kaum zu kaschieren ist.
Politik ist ein Tagesgeschäft, das sich auf Dauer mit einer Mythos-Beschwörung nicht betreiben lässt - schon gar nicht auf Kosten eines einzelnen Menschen.

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