DER STANDARD-Kommentar "Den Haider-Mythos begraben" von Eric Frey

"Statt den Bärentaler zu verklären muss das Land dessen Erbe ehrlich aufarbeiten" - Ausgabe 20.10.2008

Wien (OTS) - Wer die Trauerfeiern für Jörg Haider vergangene Woche in Kärnten und anderswo verfolgt hat, muss sich über dieses Land wundern - oder gar an ihm verzweifeln. Von Zehntausenden wurde einer als Wohltäter und Held geehrt, der auf rücksichtslose Weise immer nur an sich gedacht hat.
Da ließen sich Kirchen und politische Gegner aus überfließender Pietät dazu verleiten, die eigenen Werte hintanzustellen und an einer Legende mitzubasteln, die nur wenig Bezug zur Realität hat. Alfred Gusenbauer musste wohl als Bundeskanzler am Samstag in Klagenfurt dabei sein - aber er hätte so wie Bundespräsident Heinz Fischer schweigen oder zumindest ehrlichere Worte wählen können. Auch die Bischöfe hätten darauf hinweisen können, dass Menschenliebe gerade für politisch Verantwortliche eine universale Verpflichtung ist. Die große Bewunderung, die Haider zu Lebenszeiten selbst fernab rechter Kernwählerschichten entgegenschlug, lässt sich noch mit seinem Charisma, seinem Intellekt und seinem Talent zur politischen Verwandlung und Verführung erklären. Aber nach seinem Tod gibt es keine Berechtigung mehr für die Schaffung eines Haider-Mythos. Statt den Verstorbenen zu verklären, müssten die Österreicher und vor allem die Kärntner möglichst rasch mit der Aufarbeitung seiner Hinterlassenschaft beginnen. Und dies erfordert eine aufrechte Haltung und einen klaren Sinn. Sonst wird diese Republik noch jahrelang an Haider leiden.
Es geht dabei nicht nur um dessen brutalen Umgang mit politischen Widersachern, seine Verachtung für den Rechtsstaat und seine ständige Bereitschaft, die Schwächsten der Gesellschaft als Sündenböcke zu instrumentalisieren. Haider hatte sich ebenso häufig an Freunden und Anhängern vergangen. Über Jahrzehnte hat er alle in der FPÖ geopfert, die ihm nicht mehr nützlich waren. Sobald es brenzlich wurde, lief er meist davon. Und in den letzten Stunden seines Lebens hat er durch sein völlig unverantwortliches Handeln auch seine Familie und seine engsten Vertrauten im Stich gelassen.
Um seine politische Inszenierung als jugendlicher Sunnyboy und wohltätiger Patriarch zu finanzieren, hat er das ohnehin wirtschaftlich schwache Kärnten ausgeplündert. Die Anteilnahme am Schicksal anderer, die ihm so viele Landsleute nun attestieren, war stets nur Teil der Haider-Show.
Dass die BZÖ-Spitze nun voll auf den Haider-Mythos setzt, ist verständlich. Denn etwas anderes hat die Partei weder im Bund noch in Kärnten vorzuweisen. Aber andere Parteien und Medien sind nicht zur Beihilfe verpflichtet.
SPÖ, ÖVP und Grüne müssen im Kärntner Landtag darauf drängen, dass alle finanziellen Aspekte von Haiders teurer Regierungszeit geprüft werden. Auch bei den kommenden Landtagswahlen darf der Schatten des Toten eine schonungslose Debatte nicht bremsen. Dass Haider im jüngsten Nationalratswahlkampf sein marodes Kärnten ohne laute Widerrede als Modell für Österreich verkaufen konnte, darf sich nicht wiederholen.
Denn sollte sich der Mythos vom guten Menschen aus dem Bärental festsetzen, dann werden auch Haiders manipulativer Stil und seine bedrohlichen Inhalte für breite Bevölkerungsschichten akzeptabel bleiben.
Davon würde bloß FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache profitieren, der am ehesten das politische Erbe seines einstigen Förderers antreten kann. Aber Strache ist ein plumper Demagoge, ihm fehlt Haiders besonderer Zauber.
Mit dem Abschied vom Kärntner Landeshauptmann könnte daher der viel zu starke Rechtspopulismus in Österreich wieder zurückgedrängt werden - aber nur, wenn mit Haiders Asche auch sein Mythos begraben wird.

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