EU setzt ab Monatsende wieder Getreidezölle fest

Preisverfall bei Getreide auf Ausgangsniveau vor Start der Rallye im Jahr 2006

Wien (AIZ) - Als erstes Zeichen, die von einem starken, extern und nicht von fundamentalen Marktdaten bestimmten Preisverfall gebeutelten Märkte für Agrarrohstoffe in die Hand zu nehmen, wird die EU ab Ende des Monats wieder Getreideimportzölle einheben. Die Europäische Kommission brachte am Donnerstag im Verwaltungsausschuss in Brüssel unter Druck zahlreicher Mitgliedstaaten - darunter auch Österreich - nun doch die Wiedereinführung von Getreideimportzöllen zur Abstimmung. Eine Mehrheit der Mitgliedstaaten sprach sich dafür aus. Die Zölle waren seit Ende 2007 ausgesetzt.

Entgegen ersten Meldungen werden die Zölle erst gegen Monatsende hin wirksam werden. Die EU-Kommission rechnete zunächst mit einer Veröffentlichung der Verordnung in der kommenden Woche. Weil der Text nun aber angepasst und übersetzt werden müsse, verschiebe sich eine Veröffentlichung im Amtsblatt auf die 44. Kalenderwoche. Die Zölle gelten dann ab dem dritten Tag nach ihrer Veröffentlichung und für Schiffsfrachten, die am Tag der Veröffentlichung noch nicht den Ausgangshafen verlassen haben. Die Berechnung der Zölle ergab für Roggen und Sorghum EUR 19,- pro t. Für Weizen und Gerste gilt wieder ein Normalzoll von EUR 95,- pro t. Innerhalb von Importkontingenten ist Weizen niedriger und mittlerer Qualität mit EUR 12,- pro t zu verzollen, Futtergerste mit EUR 16,- pro t und Braugerste mit EUR 8,-pro t. Weizen wird damit wohl nur mehr im Rahmen der Importkontingente in die EU gelangen können.

Außerdem ergibt eine Neuberechnung beim Mais vom Freitag dieser Woche (am Donnerstag hat die Kommission noch einen Nullzollsatz errechnet) nun auch einen Einfuhrzoll für Mais von EUR 8,68 pro t. Bis zum Inkrafttreten der Verordnung ist aber wegen der hohen Volatilität der Preise noch mit weiteren Änderungen der Zollsätze zu rechnen.

Die Kommission begründete die Zölle mit den gefallenen Getreidepreisen. Brotweizen koste in Hamburg und Rouen weniger als EUR 180,- pro t. Außerdem sei der Binnenmarkt ausreichend mit Ware versorgt, sodass Importe gebremst werden könnten, meint die Kommission. Gegner des Einfuhrzolls argumentieren mit Schwierigkeiten für den Getreideexport, wenn die Binnenmarktpreise aufgrund des Zolls ansteigen.

Preisverfall hilft im Exportwettbewerb - Bauern schränken aber künftig Anbau ein

Wenngleich der Preisverfall die Wettbewerbsfähigkeit von Exporten auf den Weltmarkt ankurbelt, schlägt er sich offensichtlich aber auch auf die Anbauplanung der Landwirte für die kommende Ernte 2009/10 wiederum negativ nieder. So schreibt der französische Analyst Strategie Grains in seinem Oktober-Bericht, die europäischen Landwirte würden den Weizenanbau für die Ernte 2009 um 2,2% auf 22,6 Mio. ha einschränken und wieder mehr Äcker brachlegen oder mit Rüben bestellen. Die größten Rückgänge werden in Griechenland, und Italien erwartet. Auch die UN-Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation FAO geht mittlerweile von einer weltweiten Einschränkung des Weizenanbaus 2009/10 aus, ohne aber Zahlen zu nennen.

Wie die USA sucht auch die EU zurzeit eine Preisbasis für Standard-Weizenqualität, um gegeneinander und dem Dritten Kombattanten am Weltmarkt, Russland, im Exportgeschäft konkurrenzfähig zu sein. Vergleicht man die aktuellen Notierungen an der CBOT von umgerechnet EUR 151,33 pro t und an der Euronext in Paris von EUR 138,- miteinander, sollte laut Marktexperten die Konkurrenzfähigkeit für die Europäer zurzeit gegeben sein. Denn, so rechnen die Experten, zur Pariser Notierung müsse man noch zwischen EUR 5,- und 8,- pro t Kosten für das Fobing in Rouen hinzurechnen, um die Preisparität mit den Amerikanern hergestellt zu haben. In den vorigen Exportsaisonen hätte sich die EU noch um einige Euro höhere fob-Preise als die Amerikaner leisten können, um dank der Nähe zu den nordafrikanischen und nahöstlichen Nachfragezentren dort bei Ausschreibungen zum Zug zu kommen. Allerdings begünstige wiederum der jüngste dramatische Verfall der transatlantischen Transportkosten nunmehr wieder überproportional die US-Anbieter und könnte diesen Bonus der Europäer wieder schmälern oder vernichten. Jedenfalls könnte auch für die europäischen Weizenkurse noch etwas Potenzial nach oben drinnen sein, da Chicagoer Analysten den mit schwachem Mahlweizen, wie er auch an der Euronext gehandelt wird, vergleichbaren Soft Red Winter bis zu umgerechnet EUR 161,81 pro t am Weltmarkt wettbewerbsfähig sehen.

Terminmärkte von Agrarrohstoffen abhängig von Aktien- und Rohölmarkt

Die Terminmärkte von Agrarrohstoffen bleiben eng an das Geschehen an den Aktienmärkten und dem Rohölmarkt gekoppelt - hier geht es entweder rauf oder runter mit den Kursen. Fundamentale Marktdaten haben dabei noch nicht das Sagen. Dies wird erst wieder der Fall sein, wenn sich die externen Märkte wieder etwas beruhigen. Weizen an der Chicagoer Warenterminbörse CBOT fiel diese Woche auf einen seit Juni 2007 nicht mehr gesehenen Tiefstand und der europäische Weizenfutures an der Euronext in Paris näherte sich neuerlich dem schon vorige Woche erreichten Zweijahrestief. Auch in Österreich setzt sich die stete Erosion der Preise im Kielwasser der internationalen Märkte weiter fort. Am Mittwoch dieser Woche notierte die Wiener Produktenbörse sämtliche Brotgetreidearten neuerlich niedriger. Die Getreidepreise haben damit praktisch wieder das Ausgangsniveau vor dem Beginn ihrer Rallye im Jahr 2006 erreicht.

Maismarkt "bearish" - EU hat ein Verteilungs- und kein Überschussproblem

Am Maismarkt machen sich die hohen Produktionszahlen 2008, hier insbesondere in der EU, auch von den "Fundamentals" her als "bearish" bemerkbar. Dabei hätten weder die EU noch Österreich aus der riesigen Ernte 2008 ein Überschussproblem, sie haben vielmehr ein Verteilungsproblem: Der französische Analyst Strategie Grains erwartet in seinem Oktober-Bericht für die EU heuer bei einem Maisangebot von 64,1 Mio. t (60,4 Mio. t Ernte plus 3,7 Mio. t Anfangsbestand, Ernte 2007: 47,9 Mio. t) bei 62,7 Mio. t Verbrauch und 1,5 Mio. t Export sogar eine leicht negative Maisbilanz. Die Importe sollen drastisch von zuletzt (2007/08) 13,8 Mio. t auf 3,1 Mio. t zurückgehen. Der niedrige Maispreis lasse zudem Mais gegenüber Weizen in den Futtermittelrationen hoch kompetitiv sein und den Verbrauch steigen sowie Exporte nach Nordafrika und den Nahen Osten erleichtern. Dasselbe gilt im Prinzip für Österreich. Laut AMA bestehe ausreichend Nachfrage und Bedarf, um auch die große Maisernte Österreichs heuer von gut 2 Mio. t (plus 15%) am Markt unterzubringen. Damit wird der Mais in Europa zum Verteilungsproblem, er wächst nicht dort, wo er gebraucht wird, wie in Spanien, und er kann dorthin nur zu hohen Kosten transportiert werden. Dies lässt etwa die Verbraucher auf der iberischen Halbinsel lieber Mais aus Übersee heranschippern, weil sie das billiger kommt.

Vor diesem Hintergrund werden die Forderungen aus der zentraleuropäischen Binnenlage an die EU-Kommission immer lauter, mit der Aufstockung der 2008/09 auf 700.000 t begrenzten Maisintervention und mit Zuschüssen zu den Transportkosten von Mitteleuropa auf die iberische Halbinsel ein Zeichen der Verantwortung für das Management der Märkte zu setzen. So können in Österreich zurzeit im Schatten des "Großen Bruders" Ungarn nicht einmal mehr die schwachen Preise der Euronext von aktuell weniger als EUR 130,- pro t gehalten werden. Es gelte, den Maispreis auch nicht unter den Interventionspreis von EUR 101,31 pro t und vor allem unter die Produktionskosten fallen zu lassen, weil die Landwirte dann 2009 auch keinen Mais mehr anbauten, heißt es.
(Schluss) pos/mö

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