"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Flucht in den Schmollwinkel ist nur für Neinsager attraktiv" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 17.10.2008

Graz (OTS) - In den letzten Tagen haben viele feinsinnige Kollegen das Pfuiwort des Jahres definiert: große Koalition.

Gleich vorab zur Beruhigung: Eine "große" Koalition ist gar nicht mehr möglich. Mit ihren zierlichen Zweiern vor dem Wahlergebnis sind SPÖ und ÖVP, die ehemaligen Supermächte, in den Mittelstand abgesunken. Reden wir daher lieber von möglichen Koalitionen, ohne sie große zu nennen.

Im Fieberschub der Entmachtung sind einige Granden ins Delirieren gekommen: So erblickte der steirische VP-Chef Hermann Schützenhöfer mit blau-orange unterlaufenem Auge ein "bürgerliche Mehrheit". Man darf annehmen, dass einige Bürger über ihre Umsiedelung verärgert waren. Zumal Heinz Christian Strache und der verblichene Jörg Haider seriöserweise stets vom "Dritten Lager" gesprochen haben.

Die "große Koalition" sei vom Bürger abgewählt worden, wird endlos wiederholt, Nein, diese Koalition wurde verjagt, die Täuscher, Decker und Blockierer. Die Parteifarben waren den Wählern eher egal:
Abgewählt wurden sinnloser Streit und dumpfe Parteidisziplin.

Leute wie SP-Ministerin Claudia Schmied und VP-Grandseigneur Bernd Schilcher haben vorgeführt, wie Bildungsarbeit aussehen könnte, wenn sie weder auf ideologische Altlasten noch auf wehleidige Gewerkschafter Rücksicht nimmt. Und wenn Wolfgang Schüssel dem scheidenden Alexander Van der Bellen hinterhertränt, er sei "ein exzellenter Ökonom", dann darf man sich fragen, warum er als Kanzler diese Exzellenz nicht nutzte.

Auch der Ruf nach "den besten Köpfen" für die Regierung wird derzeit gerne verhöhnt. Pardon, aber wer sonst soll das Land endlich wieder managen? Und ohne parteipolitischen Rassismus zu betreiben: Rot, Schwarz und Grün verfügen nun einmal (noch) über die beste Personalreserve.

Wer heute in die Opposition strebt, denkt an seine Partei. Denn das Dagegensein bietet immer das wärmste Nest. Wer über Koalitionen grübelt, denkt indes ans Land. - Wenn er dann das gemeinsame Arbeiten auch ernst nimmt.

Die unerträglich altbackene Manier, jeweils nach geschlagener Wahl den Wahlkampf zu eröffnen, lähmt das Stimmvolk. Jeder halbwegs helle Mensch, egal welcher Couleur, weiß, dass Bildung, Umwelt, Integration etc. hundertmal wichtiger sind als die Befindlichkeiten einer Partei.

Man muss kein Prophet sein, um zu wissen, welche Partei in Zukunft die besten Chancen hat: jene, die ihre Arbeit überzeugend tut und sichtbar machen kann. Also, tut es.****

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