DER STANDARD-KOMMENTAR "Keine Zeit für Glamour" von Gerald John

Ausgabe vom 17.10.2008

Wien (OTS) - "Was halten Sie vom Verhandlungsteam der ÖVP?" - "Wir brauchen ein Konjunkturpaket!" Derart treffsichere Antworten geben Politiker derzeit gerne auf Interviewfragen. Koalitionsverhandlungen können manchmal lähmend sein, nicht nur für Journalisten. Die Beteiligten beten Stehsätze herunter, werfen verbale Nebelgranaten, bis sich allmählich wieder öffentliches Murren breitmachen wird. Tenor: SPÖ und ÖVP bringen schon jetzt nichts zusammen - wie soll das jemals in einer Regierung klappen?
Kluge Verhandler sind gut beraten, sich davon nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. SPÖ und ÖVP wären schön blöd, zu Beginn die Karten auf den Tisch zu legen. Gefragt sind jetzt keine Greenhorns und Selbstdarsteller, sondern in der Sache firme Taktiker, die ein Pokerface bewahren können.
So gesehen hat SPÖ-Chef Werner Faymann für die Verhandlungen mit der ÖVP eine stimmige Mischung gefunden: Sein Team ist routiniert genug, um nicht bei erster Gelegenheit auszurutschen, aber auch nicht so alt, um historisch allzu belastet zu sein. Von der ÖVP-Abordnung kann man das nicht behaupten. Schon die bloße Anwesenheit von Fritz Neugebauer und Ursula Plassnik, Veteranen aus der Ära Schüssel, stellt für die SPÖ eine Provokation dar.
Ein Defizit gibt es dennoch: Von den notorisch kritischen roten Länderchefs, die gerne auf Kosten der Bundesregierung um Popularität heischen, sitzt nur der vergleichsweise ruhige Burgenländer Hans Niessl am Tisch. Wer keine Verantwortung trägt, kann hinterher leicht schimpfen. Ein Umstand, der sich für Faymann in schlechteren Zeiten rächen könnte. Frag nach bei Alfred Gusenbauer.

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