"KURIER"-Kommentar von Christoph Kotanko: "Gegessen wird, was auf den Teller kommt"

Die Parteien leiden unter ihrem Mangel an Ideen und Persönlichkeiten.

Wien (OTS) - Drei Top-Meldungen vom Donnerstag: In Klagenfurt
wird Jörg Haider aufgebahrt, Kärnten versinkt im Meer von Tränen für "Europas erfolgreichsten Rechtsextremisten" (so der Politologe Anton Pelinka in SPIEGEL ONLINE). Dass Haider bei seiner besoffenen Raserei auch andere Menschen töten hätte können, ist tabu im Trauertal. - In Wien nominiert SPÖ-Chef Faymann seine Leute für die Koalitionsgespräche mit der ÖVP. Unter den neun Personen gibt es kein einziges neues Gesicht. "Verhandlerteam ohne Überraschungen" nennt das dezent die Austria Presse Agentur. - Gleichzeitig wird gemeldet, der designierte ÖVP-Obmann Josef Pröll sei der "Vorzugsstimmenkaiser der Nationalratswahl". 60.000 Niederösterreicher kreuzten am 28. September seinen Namen auf der Landesliste an.
Das ist ein Beweis für die Durchschlagskraft der nö. Volkspartei; schön für Pröll, aber doch nur eine Fußnote.
Die drei Meldungen und die Entwicklungen der letzten Tage zeigen:
Haider, "der Bösewicht, den wir vermissen", hinterlässt "ein Vakuum,

das niemand auszufüllen vermag" (so die Hamburger ZEIT). In der heimischen Politik gibt es keine Person mehr, die einem Publikum außerhalb Österreichs bekannt ist. Der Grund für Haiders ständige Präsenz "im Ausland" waren

seine Sprüche und Widersprüche - aber auseinandersetzen musste man sich mit ihm. Faymann, Pröll, Prammer, Hahn, Bures, Fekter -who cares?
Dieser Mangel an großen Persönlichkeiten trifft nur nicht die Sozialdemokraten und Christdemokraten. Auch HC Strache, Eva Glawischnig oder der unsägliche Stefan Petzner spielen bloß in der Landesliga.
Gegessen wird, was auf den Tisch kommt, heißt es im Volksmund. Soll heißen: Die Parteien müssen mit dem vorhandenen Personal auskommen. Die Apparatschiks dominieren, die Nachwuchspflege ist miserabel. Und anders als in den USA, Großbritannien oder in Skandinavien wollen beruflich erfolgreiche Idealisten in Österreich kein öffentliches Amt. Ihre (berechtigte) Angst: Wer sich hierzulande in die Politik begibt, kommt darin um. Ein ordentlicher Ausstieg ist kaum möglich.
Dieser Mangel an politischer Kultur ist schädlich.
Zum Personalproblem kommen die inhaltlichen Schwächen. Ein Beispiel: Am Verhandlungstisch werden sich auf SP-Seite der altgediente Eisenbahn-Gewerkschafter Haberzettl und auf VP-Seite der ewige Beamtenvertreter Neugebauer gegenübersitzen. Beide sind Taktiker, die ihre Einfallslosigkeit als Pragmatismus ausgeben.
Wie kann es bei dieser Konstellation einen kühnen Neustart geben, frische Ideen, ungewöhnliche Lösungen, kraftvolle Visionen?
Es kann nur besser werden, ist die Parole nach dem Zerbrechen der rot-schwarzen Regierung. Tatsächlich gibt es keine ernsthafte Alternative zur Zusammenarbeit der beiden (noch) größeren Parteien. Faymann und Pröll sollten ihre Chance bekommen. Doch dazu müssten sie die Sehnsucht nach Substanz erfüllen.

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