Meisner: Entscheidend war, was Pius XII. tat, nicht was er sagte

Kölner Erzbischof würdigt bei Vortrag in Wien Eugenio Pacelli als "überragenden theologischen Lehrer" - Scharfe Kritik an Dramatiker Hochhuth: "Das ist emotional aufgeladene Geschichtsklitterung"

Wien, 16.10.08 (KAP) Als "überragenden theologischen Lehrer" hat Kardinal Joachim Meisner Papst Pius XII. gewürdigt. Bei einem Vortrag am Mittwochabend vor der "Österreich-deutschen Kulturgesellschaft" in Wien betonte der Kölner Erzbischof das theologische Erbe des Pacelli-Papstes und dessen große Auswirkungen auf das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965). Abgesehen von Zitaten aus der Heiligen Schrift sei beim Konzil keine Persönlichkeit so häufig zitiert worden wie Pius XII., so Meisner. Eine erneute Rezeption des reichhaltigen Werkes des Pacelli-Papstes sei "an der Zeit". Der Kölner Kardinal ging aber auch auf die Debatte um das Verhältnis von Pius XII. zum Nationalsozialismus ein. In diesem Zusammenhang wies der Kölner Erzbischof die Kritik vom "Papst, der geschwiegen hat" zurück: Entscheidend sei gewesen, was Pius XII. getan, und nicht was er gesagt oder worüber er geschwiegen habe.

Scharfe Kritik übte Meisner am Dramatiker Rolf Hochhuth, dessen 1963 uraufgeführtes Theaterstück "Der Stellvertreter" die These vom "Schweigen" des Pacelli-Papstes verbreitet hatte. Hochhuths Polemik sei inzwischen "in die Jahre gekommen", sagte der Kölner Erzbischof:
"Sie hat auch durch die sich steigernde Aggressivität des Schriftstellers keine neue Überzeugungskraft gewonnen". Zuletzt habe Hochhuth seine Thesen nur dadurch retten können, dass er sich dem Dialog mit den neuen wissenschaftlichen Ergebnissen über Pius XII. verweigerte, meinte Kardinal Meisner. Hochhuths Darstellung, Pius XII. habe selbst dann noch geschwiegen, als die Juden Roms unter seinen Fenstern abtransportiert wurden, bezeichnete er wörtlich als "emotional aufgeladene Geschichtsklitterung".

Pius XII. habe zwar nicht verhindern können, dass die am 16. Oktober 1943 verschleppten 1.000 jüdischen Männer, Frauen und Kinder aus Rom ermordet wurden, so Meisner: "Die sofortige Reaktion von Pius XII. Reaktion führte aber dazu, dass nach dem 17. Oktober keine Massendeportationen aus Rom mehr stattfinden konnten". Zudem sei bereits zuvor rund die Hälfte der 8.000 Juden, die damals in Rom lebten, in Einrichtungen der Kirche untergebracht worden.

These vom "schuldhaften Schweigen" verfehlt

Kardinal Meisner kritisierte, dass die These vom "Papst, der geschwiegen hat" heute häufig als "eine selbstverständliche Tatsache" präsentiert werde, die keiner Überprüfung mehr bedürfe. Dabei sei längst keine Forschung mehr notwendig, um die These vom schuldhaften Schweigen des Papstes zurückzuweisen. Es lägen dazu vielfältige Ergebnisse der Zeitgeschichteforschung vor: "Das bezieht sich sowohl auf tatsächliche Stellungnahmen als auch auf die vielfältigen Formen humanitärer Unterstützung und diplomatischer Hilfe, für deren Erfolg es unabdingbar war, dass sie gerade nicht in der Öffentlichkeit passierte".

In seiner Weihnachtsansprache 1942 prangerte Pius XII. öffentlich die Verfolgung der vielen Hunderttausenden an, "die persönlich schuldlos, manchmal nur um ihrer Volkszugehörigkeit oder ihrer Abstammung willen dem Tod geweiht oder einer fortschreitenden Verelendung preisgegeben sind". Zur Kritik, dass der Papst damals nicht deutlich genug geworden sei, meinte Kardinal Meisner: "Pius XII. war überzeugt, dass alle verstanden, was sie da hörten". Und die empörte Reaktion der Nationalsozialisten auf die Ansprache habe gezeigt, dass die Botschaft auch in dieser Form des "uneigentlichen Sprechens" angekommen sei: "Die Rede ist eine einzige Attacke gegen alles, für das wir einstehen ... Er (Pius XII.) beschuldigt das deutsche Volk, Ungerechtigkeit gegenüber den Juden zu begehen und macht sich zum Sprecher der jüdischen Kriegsverbrecher", zitierte der Kölner Erzbischof zum Beleg aus Akten des NS-Reichssicherheitshauptamtes.

Gegen ein "offenes Wort" habe gesprochen, dass davon kein praktischer Erfolg zu erwarten gewesen wäre, erklärte Kardinal Meisner. Das Beispiel der Niederlande sei für Pius XII. "abschreckend" gewesen. Am 26. Juli 1942 hatten die niederländischen Bischöfe in einem Hirtenbrief die Maßnahmen der deutschen Besatzer gegen die Juden mit deutlichen Worten angeprangert. Als Antwort wurde die Verfolgung auch auf alle Christen jüdischer Herkunft ausgedehnt.

War nicht "Hitlers Papst"

Der Kölner Erzbischof wandte sich auch gegen die Position, wonach der "autoritäre antibolschewistische Eugenio Pacelli" mit dem antibolschewistischen Deutschen Reich sympathisiert habe und so zu "Hitlers Papst" geworden sei. "Pacelli sah das Dritte Reich zu keinem Zeitpunkt als Bollwerk des christlichen Abendlandes gegen die Ausbreitung des Bolschewismus durch die Sowjetunion und riet auch Papst Pius XI. dringend davon ab, solche Pläne in Erwägung zu ziehen", sagte Kardinal Meisner. Aus der eindeutigen Ablehnung des Bolschewismus durch Pacelli in Theorie und Praxis habe sich keine Unterstützung des Nationalsozialismus ergeben.

Vielmehr habe die Glaubenskongregation unter aktiver Beteiligung des damaligen Kardinal-Staatssekretärs Eugenio Pacelli in den Jahren 1935/36 Gutachten ausarbeiten lassen, die Nationalsozialismus, Rassismus, Kommunismus und Totalitarismus in gleicher Weise als Häresien verurteilten, so Meisner.

Die Beziehung Pius XII. zu Hitler sei eine Beziehung gegenseitiger Abneigung, ohne jeden persönlichen Kontakt gewesen. "Für Pacelli gab es weder weltanschaulich noch persönlich irgendeine Verbindung zu Adolf Hitler", unterstrich der Kölner Erzbischof. Allein seine Erfahrungen mit den kommunistischen und nationalsozialistischen Bewegungen während seiner Zeit als Nuntius in Deutschland hätten dafür ausgereicht, keinerlei Sympathien für die eine oder die andere Ideologie zu empfinden.

Zu dem Vortrag Kardinal Meisners konnte der Vorsitzende der "Österreichisch-deutschen Kulturgesellschaft", der frühere Bundesratspräsident Prof. Herbert Schambeck, u.a. den Apostolischen Nuntius, Erzbischof Edmond Farhat, sowie die Diözesanbischöfe Egon Kapellari, Klaus Küng und Elmar Fischer begrüßen.

O-Töne des Vortrags von Kardinal Meisner können unter www.katholisch.at/o-toene abgerufen werden. (ende)
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