Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Hoch die Grauen Mäuse"

Ausgabe vom 16. Oktober 2008

Wien (OTS) - Sorry, geplagtes BZÖ. Aber es ist alles andere als eine Privatsache, mit 1,8 Promille und 142 km/h auf öffentlichen Straßen zu rasen, selbst wenn dabei niemand zu Schaden kommt. Das ist krimineller Dolus eventualis (wie der Jurist Jörg Haider sagen würde), selbst wenn man die von der Versicherungslobby erkämpfte 0,5-Grenze für übertrieben hält. Das widerspricht der Vorbildrolle eines Spitzenpolitikers. Das beweist, dass Haider bis zur letzten Sekunde ein jedes Risiko missachtender Grenzgänger gewesen ist - im Privaten wie in der Politik. Das steigert aber auch enorm die Wertschätzung für stinklangweilige Graue Mäuse wie Heinz Fischer oder Wilhelm Molterer.

Haiders Tod bestätigt überdies: Es gibt in diesem Land keinen Beruf, der ein so hohes Risiko in sich trägt, in der einen oder anderen Form Probleme mit Alkohol zu bekommen, wie den eines Landeshauptmanns. Von Wien bis Innsbruck, von Eisenstadt bis Salzburg sind traurige Beispiele bekannt.

Man kann auch den Verdacht nicht loswerden, dass Haider nicht zum ersten Mal weit über die Stränge geschlagen hat. Und dass dies wohl auch der Kärntner Exekutive bekannt gewesen sein muss, welche aus schleimigem Respekt vor der Obrigkeit aber geschwiegen hat. Solcher Respekt ist genauso falsch wie die in Österreich ebenfalls weit verbreitete Lust, Politiker viel kleinlicher zu behandeln als Durchschnittsbürger.

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Da wir gerade beim Lob der Grauen Mäuse waren: Es ist faszinierend, wie der als ausstrahlungsarm für politisch tot erklärte Brite Gordon Brown in der Finanzkrise zur globalen Führungsfigur wird, die allen die Richtung vorgibt. In Krisenzeiten werden aber andere Fähigkeiten wichtiger als etwa die des sprunghaften Populisten Nicolas Sarkozy.

Bei Brown kommt dazu, dass er einer der wenigen gelernten Wirtschaftsexperten an der Spitze einer Regierung ist; dass er als Markt- oder Neoliberaler nicht an die mancherorts wieder gepredigten Uraltrezepte eines Karl Marx glaubt; dass er dabei aber als Sozialist parteipolitisch den Rücken frei hat; und vor allem: dass er mit Mehrheitswahlrecht regieren kann, also nicht wie die deutsche Kanzlerin ständig mit Koalitionspartnern und Bundesländern um die Linie ringen muss. Man mag das britische System für ungerecht halten, aber es wirkt.

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