Exodus der Christen aus der Tigris-Metropole Mossul

1.000 Familien flohen in die christlichen Kleinstädte der Umgebung -Das irakische Innenministerium entschloss sich endlich, 900 Polizisten nach Mossul zum Schutz der Christen zu entsenden

Bagdad, 12.10.08 (KAP) Aus Furcht vor der anhaltenden Gewalt gegen Christen hat in der nordirakischen Tigris-Metropole Mossul eine massive Fluchtbewegung eingesetzt. 1.000 Familien seien in christliche Kleinstädte der Umgebung geflohen, wo sie in Schulen, Kirchen und Klöstern Zuflucht suchen, sagte der Provinzgouverneur von Ninive, Duraid M. Kashmula. Er machte Anhänger des Terrornetzwerks "Al Kaida" für die Welle der Gewalt gegen Christen verantwortlich. In den Kleinstädten gibt es keinerlei humanitäre Hilfe für die Flüchtlinge - trotz aller Hilferufe an das Rote Kreuz. Das irakische Innenministerium hat am Sonntag - spät, aber doch - rund 900 Polizisten nach Mossul beordert, die dort christliche Viertel und Kirchen schützen sollen.

Zwei Brigaden mit jeweils 440 Polizisten seien nach Mossul entsandt worden, sagte der Sprecher des irakischen Innenministeriums, Abdelkarim Khalaf. Für die dortigen Kirchen gelte die höchste Sicherheitsstufe. In der Nacht auf Sonntag wurden zahlreiche Straßensperren errichtet, an denen die Polizisten Autos kontrollieren. "Wir haben den Christen über ihre Pfarrer mitgeteilt, dass wir da sind, um die Sicherheit jedes einzelnen Hauses, jedes Menschen zu gewährleisen", betonte ein Militärsprecher.

Wegen ihres Glaubens seien in Mossul in den letzten Tagen elf Christen ermordet worden, sagte Kashmula. Am Samstag wurden seinen Angaben zufolge im nördlichen Viertel Sukkar drei Häuser von Christen in die Luft gesprengt. Die Angaben Kashmulas wurden von dem christlichen Parlamentsabgeordneten Unadim Kanna in einem TV-Interview bestätigt. Der Terror gehe vor allem im östlichen Teil der Stadt weiter. Kanna betonte zugleich, dass die Fluchtbewegung aus Mossul durch Leute angeheizt wurde, "die mit den Sicherheitsbehörden in Verbindung stehen". Er könne niemanden im einzelnen anklagen, sagte Kanna, aber die Leute, die "an die Wohnungstüren der Christen klopften und Drohungen ausstießen, hatten offensichtlich Verbindungen nach 'oben'". Er appelliere an den Staatspräsidenten und den Regierungschef, ihre Verantwortung wahrzunehmen, die Sicherheit zu gewährleisten und den christlichen Familien die Rückkehr in ihre Häuser zu ermöglichen.

Die "Assyrian International News Agency" (AINA) zitierte den 45-jährigen christlichen Schuster Bashir Azoz, der am Samstag Mossul verlassen musste, nachdem islamistische Terroristen einem Nachbarn erklärt hatten, er müsse weggehen oder er sei "des Todes": "Wo ist die Regierung, wo sind ihre Sicherheitskräfte, wenn tagtäglich solche Verbrechen geschehen?" Nach Angaben von AINA sind in der letzten Woche Grüppchen von islamistischen Terroristen in mehrere Kirchen in Mossul eingedrungen; sie erklärten den Gläubigen, dass sie "innerhalb von zehn Minuten" die Gotteshäuser verlassen müssten, die Kirchen auf Dauer zu schließen hätten und nie mehr zurückkehren dürften.

Die Vorgangsweise der "Al Kaida"-Leute in Mossul wird auf die Methoden der deutschen Nationalsozialisten und der türkischen "Ittihadisten" des Ersten Weltkriegs zurückgeführt (gerade in Mossul scheiterte damals die antichristliche Ausrottungspolitik des jungtürkischen "Komitees für Einheit und Fortschritt" am Widerstand des örtlichen Paschas).

Mossul ist seit der Antike ein Brennpunkt des Christentums im Nahen Osten. Daran änderte sich auch nach der islamischen Eroberung im Jahr 641 nichts. Es ist keine beliebige Stadt, vielmehr lief auf Grund der Übersetzungstätigkeit der syrischen Christen ein nicht unbeträchtlicher Teil der europäischen Geistesgeschichte über Mossul. (forts)
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