DER STANDARD - Kommentar "Schlimm, aber keine Katastrophe" von Eric Frey

Die Staaten besitzen die Mittel, um eine neue Weltwirtschaftskrise zu verhindern - Ausgabe vom 11./12. Oktober 2008

Wien (OTS) - Die Lage ist schlimm, noch viel schlimmer, als man vor wenigen Tagen gedacht hat. Allen Rettungsversuchen der Regierungen und Notenbanken zum Trotz brechen die Börsen weiter ein. Die Banken verweigern einander Kredit, selbst zu überhöhten Zinsen. In den USA und dem Rest der Welt droht ein seit 16 Jahren fast ununterbrochener Aufschwung abrupt zu enden. Kein Kontinent ist vor der Krise gefeit: Zu sehr sind in der globalisierten Wirtschaft alle Kontinente miteinander verwoben.
All das erinnert viele an die Weltwirtschaftskrise der Dreißigerjahre, die damals die Welt in den politischen Abgrund stürzen ließ. Und tatsächlich scheint nach den dramatischen Ereignissen der letzten Tage, in denen selbst pessimistische Prognosen von der Realität stets überholt wurden, alles möglich. Doch gerade der Ernst der Lage macht es notwendig, die Unterschiede zu den Horrorjahren nach 1929 hervorzuheben.
* Noch ist keine Bank der Welt zusammengebrochen, kein Sparer hat tatsächlich sein Geld verloren. Das dürfte auch so bleiben. Die Industriestaaten fangen ihre Banken auf, notfalls durch Verstaatlichung. Dank ihres Wohlstands können sie sich dies auch leisten.
* Eine globale Rezession ist wohl unvermeidbar, aber noch keine Katastrophe. Das Auf und Ab der Konjunktur ist ein ökonomisches Naturgesetz, das trotz gegenteiliger Versprechungen nicht außer Kraft gesetzt werden kann. Aber das muss nicht zu Massenarbeitslosigkeit führen: Mit Zinssenkungen und höheren Staatsausgaben kann der Kollaps einer Wirtschaft verhindert werden.
*Anders als in den Dreißigerjahren gibt es heute eine internationale Zusammenarbeit. Sie könnte zwar viel besser funktionieren - selbst innerhalb Europas -, aber vom zerstörerischen nationalen Egoismus der Dreißigerjahre ist die Welt noch weit entfernt.
* Der Absturz der Börsen zeigt eines: Jede Aktie ist nur so viel wert, wie andere Investoren dafür zu zahlen bereit sind. Das gilt auch für die einst als so sicher gepriesenen Immobilien. Doch selbst nach dem jüngsten Kurssturz kehren die Märkte auf ein Niveau zurück, das noch vor wenigen Jahren als erfreulich empfunden wurde. Eine solide Volkswirtschaft kann auch mit schwächeren Börsen leben.
* Zumindest in Europa sind Pensionen gar nicht bedroht, und die private Altersvorsorge nur wenig - solange für diese vernünftigerweise in Anleihen investiert wurde und nur zu einem kleinen Teil in Aktien. Wer sich jetzt verspekuliert hat, trägt letztlich selbst Schuld.
Viel ist dieser Tage vom Scheitern des angloamerikanischen Wirtschaftsmodells die Rede. Dies greift zu kurz. Keiner zweifelt mehr daran, dass die Selbstregulierung der Finanzmärkte versagt hat, aber so weit hätte es nie kommen dürfen. Auch an US-Universitäten wird gelehrt, dass ein gewisses Maß an Regulierung für das Funktionieren freier Märkte notwendig ist. In den USA wurden Regulierung und Aufsicht unter dem Druck rechtskonservativer Lobbys allerdings gefährlich aufgeweicht - und damit wurde gegen die Grundregeln des Kapitalismus verstoßen. Eine Korrektur dieser Irrwege bedeutet noch keine Absage an die Marktwirtschaft an sich. Gefährlich für die Weltwirtschaft wäre es allerdings, wenn nun das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, der internationale Kapitalverkehr gestoppt und der Welthandel zum Schutz der eigenen Arbeitsplätze abgewürgt wird. In eine solche Falle ist die Welt in den Dreißigerjahren getappt - und hat dafür einen hohen Preis bezahlt. Die Staaten haben es selbst in der Hand, diesmal klügere Lehren aus der Krise zu ziehen.

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