WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Die Krise hat auch deutlich positive Aspekte - von Alexis Johann

Banken und Fonds lassen die Spekulation mit Rohstoffen. Schlecht?

Wien (OTS) - In der Krise geht so manches unter, anderes stellt
sich verwirrend da. Ein Beispiel: Rohstoffexperten sorgen sich, dass die Finanzkrise die Ölnachfrage stark belastet. Schlecht? Der Ölpreis ist seit Juli um etwa 40 Prozent gefallen. Auch die Preise für Nickel, Kaffee, Baumwolle und weitere 14 Rohstoffe befinden sich in ähnlich freiem Fall. Die plausible Erklärung: Jene Spekulanten, die durch gehebelte Geschäfte die Kurse in die Höhe getrieben hatten, ziehen ab, weil sie flüssige Mittel benötigen. Stoffe, die unsere Wirtschaft im Gang halten, werden also erheblich billiger. Das war nicht absehbar, aber das ist sehr gut. So stiftet die Finanzkrise auch Hoffnung für die kommenden Jahre.

Schließlich erinnern wir uns, dass im Frühsommer die Opec, Rohstoffanalysten und Hugo Chavez einen Anstieg des Ölpreises auf über 200 Dollar vorausgesagt hatten. Zurzeit bewegt sich der Preis für das US-Öl West Texas Intermediate bei rund 90 Dollar, Merrill Lynch prognostiziert einen Rückgang auf 50 Dollar. Jene Wachstumsblockaden, die uns seit einem Jahr Kopfweh bereitet haben, sind also weg, nur spüren wir die Erleichterung gerade nicht, weil die Finanzkrise an anderen Stellen höllische Schmerzen bereitet. Sollte sich die Lage an den Aktienmärkten und in den Treasury-Abteilungen der Banken aber halbwegs beruhigen, dann wird einiges sichtbar, was die Finanzkrise als Nebenwirkung kurierte:

● Die Europäische Zentralbank fühlt sich in der Lage, Zinsen zu senken. Das hatten Politik und Wirtschaft lange vergeblich gefordert. Völlig zu Recht reagierte die EZB nicht auf Zurufe, sondern auf die aktuelle Lage: Sinkende Rohstoffpreise haben das Inflationsgespenst vertrieben.

● Die Einkaufsabteilungen der Unternehmen können nun besser planen und sich mit vergleichsweise günstigen Rohstoffpreisen anfreunden.
● Auch die Konsumenten werden den nachlassenden Preisauftrieb als Erleichterung wahrnehmen: Im Supermarkt und an der Zapfsäule.

● Die Ruhe an den Rohstoffmärkten könnte sogar länger als gedacht anhalten. Denn so wie UBS werden sich eine Reihe von Banken und Fonds aus den Spekulationsgeschäften mit Rohstoffen langfristig verabschieden. Entweder weil sie sich daran die Finger verbrannt haben, weil sie das nicht mehr dürfen oder weil sie unter Staatsaufsicht gestellt wurden. Der Sturm ist nicht vorbei, doch geht er, dann könnte durchaus die Sonne wieder scheinen.

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