"Kleine Zeitung" Kommentar: "Warum Europa mit der Rechten zu leben gelernt hat" (von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 6.Oktober 2008

Graz (OTS) - Ein bisserl Zentralfriedhof, ein bisserl Pradler Ritterspiele (Motto: "Küssen, kämpfen, köpfen") und viel Graf Bobby -so kommt der Brief daher, in dem André Heller der SPÖ wegen deren Anbiederung an die "Kronen Zeitung" jetzt "Adieu" gesagt hat.

Den Liebesentzug ihres Paradeintellektuellen haben sich die Roten verdient. Aber der "poetische Aktionist" (Heller über Heller) weiß halt auch, was er seinem Publikum schuldig ist. So grübelte er nach der schwarz-blauen Wende 2000 laut, wie er in einer Mischung aus Wut und Ekel weiterleben könne. Im Jahr darauf hatte er sich gottlob soweit gefangen, dass er den deutschen Kanzler Schröder zum Plausch mit "Widerständlern" in seinem Wiener Salon empfangen konnte.

Diesmal kann Heller lange warten. Schröder ist jetzt eifrig mit Geldverdienen beschäftigt. Auch in Europas Staatskanzleien ist die Lust, den Rechtsruck in Österreich zu kommentieren, enden wollend. Nur Italiens Außenminister Franco Frattini hat sich "besorgt" über "nationalistische" Tendenzen gezeigt, was angesichts der Hetze, die seine Regierung auf Roma, Afrikaner und sonstige ihr missliebige Ausländer veranstaltet, nicht eines gewissen Sinns für Humor entbehrt.

Sicher, Sympathien trägt den Österreichern ihr rechtes Faible in der EU keine ein. In Brüssel, Berlin und Paris beginnt man sich zu fragen, ob man das Land nicht besser zu den europäischen Patienten zählen sollte. An eine Quarantäne denkt diesmal aber niemand.

Das hat damit zu tun, dass man erkannt hat, dass Moral für das politische Weiterkommen der Union nicht förderlich ist, vor allem, wenn die Moral ihre eigene Heuchelei hervorbringt. Wie lässt sich erklären, dass man vor Putin kriecht und sich zugleich um die Menschenrechte in Österreich sorgt?

Auch ist der Rechtspopulismus ja keine österreichische Eigenart. Stramme Rechte sitzen in Italien und Frankreich genauso in den Parlamenten wie in Deutschland und in Belgien und es herrscht große Einigkeit darüber, dass nicht ihr extremes Gedankengut, sondern die Schwäche des politischen Establishments der Rechten die Wähler zutreibt.

Vor allem aber zeigt sich, dass sich die Populisten überall, wo sie an die Macht kamen, sehr rasch selber entzauberten.

Auch für Österreich wäre es Zeit, sich von der eitlen Mär zu verabschieden, das Land sei "Versuchsstation des Weltuntergangs" (Karl Kraus). Europa hat gelern, mit der Rechten umzugehen. Das sollten auch wir tun. Der erste Schritt dazu wäre, endlich Schluss mit den albernen Nazivergleichen zu machen.****

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