"Die Presse" Leitartikel: "Was hat Strache, was andere nicht haben?" (von Martina Salomon)

Ausgabe vom 6.10.2008

Wien (OTS) - Jugendliche haben in Scharen Blau gewählt. Das waren nicht mehr nur die "Modernisierungsverlierer".

Was ist nur mit der Jugend los?, rätseln zahlreiche Experten seit einer Woche. Aber so überraschend war es gar nicht, dass Erstwähler am 28. September in Scharen ihr Kreuzerl bei den Blauen machten und im Grunde mit Politik nichts am Hut haben. Das hat die Meinungsforschung schon lange vor der Wahl erhoben (nachzulesen in der "Presse").
Firmen investieren viel Geld und Hirnschmalz, um junge Kunden zu erreichen. Auch die quasi "etablierten" Parteien - SPÖ, ÖVP, Grüne -sollten sich schön langsam den Kopf darüber zerbrechen, wie sie Wählernachwuchs rekrutieren. ÖVP und Grüne haben vergangene Woche reagiert und ihre Parteispitze jeweils deutlich verjüngt. Aber das allein wird wohl kaum reichen. Stimmt schon, die Jungen sind schwer zu erreichen, Interesse an Politik scheint eine Fünfzig-plus-Angelegenheit zu sein. Engagement für die eigenen Anliegen auch. Mehr als die U-Bahn-Zeitung oder Schlagzeilen im Internet zu lesen ist meist schon Überforderung, Politik kein Thema. In erster Linie sind sie mit sich selbst beschäftigt. Vielleicht haben sie sich die überangepassten Jungfunktionäre der Parteien sogar verdient: Diese sind ein Spiegelbild ihrer selbst. Es gibt nicht viel aufzumucken gegen eine tolerante (sehr oft leider auch überaus gleichgültige) Erwachsenenwelt.
Als "arm" gilt, wer sich nicht das neueste Handymodell leisten kann und daheim keinen Flatscreen zur Verfügung hat. Das kann durchaus schmerzen, aber essenziell ist es nicht. Zumindest nicht so wichtig, um deshalb auf die Barrikaden zu steigen. Cool sein ist wichtiger, und Heinz-Christian Strache hat bei manchen Jungen einen kleinen Popstar-Nimbus.

"Feschismus" hat man das seinerzeit bei Jörg Haider böse genannt. Teure Uhren, schnelle Autos, trendiges Gewand, hedonistischer Lebenswandel: So präsentiert sich auch Strache, und er ist dort, wo Jugendliche sind: in angesagten Discos zum Beispiel. Aber das allein ist es nicht: Die Chefs von FPÖ und BZÖ reden auch nicht den üblichen phrasenhaften Politikersprech. Klar, sie müssen ja auch nicht immer den kleinsten gemeinsamen Nenner einer (einst) großen Partei repräsentieren.
Strache wählen heißt außerdem, gegen das Establishment zu sein, das über die Rechten kollektiv die Nase rümpft. Aber nach zwei Generationen politisch korrekter, "gegenderter", ökologisch bewusster Lehrer gibt es kaum ein größeres Zeichen von Aufmüpfigkeit, als sich frech zu den bösen Buben in der Politik zu bekennen. Offenbar eine natürliche Gegenreaktion. Strache setzte sein Autogramm auf ein feilgebotenes Dekolleté. Urgeil! Haider sprach seine Wähler mit "Du" an. Leiwand!
Aber abgesehen vom Stilistischen vermitteln die Rechtsparteien das Gefühl, Rächer für erlittenes Unrecht zu sein. Dafür gibt es einen Schuldigen: "die Ausländer" - sprich: der schlecht integrierte Teil der Migranten -, oft schon in zweiter Generation hier und längst selbst Österreicher, aber in (türkischen) Subkulturen lebend. Den Burschen kreidet man Pöbeleien, Übergriffe und Vandalismus an. Sie schließen sich in Schulklassen zu hermetischen Gruppen zusammen, treten machohaft auf. Aber natürlich ist nicht jeder Zusammenstoß zwischen Krochern und Emos in der U-Bahn oder vor dem Nachtlokal ein Ausländerproblem. Strache/Haider haben halt simple und radikale Rezepte für das dumpfe Gefühl, dass es viel zu viele Migranten ohne Zukunftsperspektive gibt, die das Leben in Österreich ungemütlicher gemacht haben.

Und was sagen eigentlich alle anderen Parteien zu diesem heißen Thema? Die Grünen wollen oberflächlich betrachtet noch mehr Zuwanderung, die SPÖ schweigt oder redet alles schön, die ÖVP weiß eigentlich nicht, was sie will, pauste im Wahlkampf aber bei der FPÖ ab. Da geht man allerdings gleich lieber zum Schmied statt zum Schmiedl.
Machen wir uns keine Illusionen: Freiheitlich zu wählen ist nicht mehr so wie früher eine reine Unterschichtsangelegenheit. Neben den sogenannten Modernisierungsverlierern fühlen sich all jene angezogen, die die Politik schon lange nicht mehr verstehen. Das ist sogar ein generationenübergreifendes Problem. Wenn die Mittelparteien ÖVP und SPÖ das nicht rasch erkennen und auch - aber bitte unpopulistisch! -handeln, dann werden sie schon bald wieder abgestraft.
Denn Politik gilt speziell den Jungen als alter Hut. Wenn sie aber das "Feuer" nur mehr bei populistischen Parteien spüren, dann ist bei der Demokratie bald insgesamt Feuer am Dach.

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