Tirol: Ökumenisches "Gipfeltreffen" auf dem Hafelekar

Bei Kälte, Schneefall und Wind stiegen Spitzenvertreter der evangelischen und katholischen Kirche auf den Gipfel – Anschließend gab es eine Diskussionsrunde zwischen dem evangelischen Bischof Bünker, Bischof Scheuer, Superintendentin Müller und Prof. Niewiadomski über "Schöpfungsverantwortung"

Innsbruck, 5.10.08 (KAP) Zu einem höchst ungewöhnlichen ökumenischen Gipfeltreffen kam es in Tirol. Bei Schneefall und heftigem Wind trafen sich auf dem Gipfel des Hafelekar der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker, die Superintendentin der evangelischen Diözese Salzburg-Tirol, Luise Müller, und der Umweltbeauftragte der evangelischen Diözese Salzburg-Tirol, Werner Schwarz, mit dem Diözesanbischof von Innsbruck, Manfred Scheuer, und dem Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät Innsbruck, Prof. Jozef Niewiadomski.

Die Teilnehmer des ökumenischen "Gipfeltreffens" und sechs Begleitpersonen trotzten dem schlechten Wetter und ließen es sich nicht nehmen, von der Bergstation der Hafelekar-Seilbahn durch den knietiefen Neuschnee auf den Gipfel zu stapfen. Ehe sie sich durchnässt und durchfroren auf den Rückweg machten, beteten sie beim Gipfelkreuz das Vaterunser, sangen ein Lied zur Ehre Gottes, des Schöpfers, und gönnten sich ein Schnäpschen. Der "Ausflug" auf das Hafelekar war ein Einstandsgeschenk der evangelischen Diözese Salzburg-Tirol an Michael Bünker, der seit Jänner evangelischer Bischof ist.

Das anschließende ökumenische Gespräch auf der Seegrube galt der Frage, ob und in welcher Form die Kirchen einen Beitrag leisten können zur Bewahrung der Schöpfung. Man war sich einig, dass dieser Beitrag in erster Linie auf der Ebene der Bewusstseinsbildung der Menschen liegt. Es müsse gelingen, die Menschen noch stärker und gezielter auf ihre persönliche und gesellschaftliche Verantwortung aufmerksam zu machen in Fragen der Ökologie, des umweltgerechten Wirtschaftens und des Verkehrs bis hin zu Fragen der regionalen und internationalen Solidarität und des Klimawandels.

Scheuer: "Staunen und Dankbarkeit fördern"

Bischof Scheuer unterstrich, dass die Kirchen die menschlichen Fähigkeiten und Grundhaltungen des Wahrnehmens mit allen Sinnen, des Staunens und der Dankbarkeit fördern müssten. Dasselbe gelte für die Tugend des "Maßhaltens" im Umgang mit den Dingen. Deutlich zu machen sei, dass die ökologische Thematik sehr eng verknüpft ist mit dem Thema Frieden. Wo sich unter betroffenen Menschen eine Haltung der Resignation breit mache, seien die Kirchen aufgerufen, tröstend und aufbauend einzugreifen. Scheuer plädierte für einen Weg der kleinen Schritte, für das Setzen glaubwürdiger Zeichen und für ein "Zeugnis der Hoffnung".

In Tirol ist das Thema "Schöpfungsverantwortung" laut Scheuer besonders aktuell in den Bereichen Transit, Wasser, Bebauungspläne und Erhaltung des Lebensraumes der Menschen in den Tälern. Insgesamt ortete der Bischof für Tirol eine relativ hohe ökologische Sensibilität und auch die Bereitschaft, in Streitfragen zu einem Konsens zu kommen.

Niewiadomski: "Katastrophe der Ethik"

Mit einer interessanten Analyse ließ Prof.Niewiadomski aufhorchen. Er ortete vor allem in Wirtschaft und Wissenschaft eine "Katastrophe der Ethik". An die Kirchen ergehe zwar oft und oft der eindringliche Appell, beim Finden und Durchsetzen ethischer Regeln und ethisch verantwortetem Handeln zu helfen. Die Kirchen kämen dieser Aufforderung auch weitgehend und glaubwürdig nach. Die Realisierung dieser ethischer Grundsätze sei in der Praxis aber dann weitgehend zum Scheitern verurteilt, weil in der Gesellschaft die Erwartung vorherrsche, dass diese Regeln "nicht weh tun dürfen". Überdies werde dieses ethische Scheitern in der Gesellschaft auch in Umweltfragen ständig verdrängt.

Die Kirchen, so Niewiadomski, sollten einerseits dieses Scheitern klar aufzeigen. Sie sollten aber auch aus dem Glauben heraus "entlastende Impulse geben", dass das Scheitern nicht das letzte Wort hat. Der Theologe forderte u.a. eine neue "universitäre Forschungskultur". Sie sei gegenwärtig allzu sehr eine "gnadenlose Konkurrenzkultur" in den Fängen wirtschaftlicher Interessen.

Bünker: "Kunst des Aufhörens" fördern

Nachdrücklich sprach sich Bischof Bünker dafür aus, das Thema "Schöpfungsverantwortung" mit dem Einsatz für die Erhaltung des Sonntags zu verknüpfen. Der Sonntag bzw. der Sabbat sei nicht nur eine heute gefährdete "Kulturleistung", sondern biblisch gesehen eine "göttliche Setzung". Das Wissen um die hohe Bedeutung des Sonntags fördere die "Kunst des Aufhörens", die Bereitschaft, zur Ruhe zu kommen, nicht ständig weiter zu hasten, nicht ständig Neues und Mehr haben zu müssen. Eine solche menschliche Haltung komme der ganzen Schöpfung zu gute.

Bünker forderte die Kirchen auf, sich unmissverständlich auf die Seite der "Opfer des Klimawandels" zu stellen. Die Glaubwürdigkeit der Kirchen sei zu stärken auch in den Pfarren. U.a. gelte es, Umweltreferenten einzusetzen und die eigenen Einrichtungen klimabündnis-zertifiziert zu führen.

Müller: Achten auf Nachhaltigkeit

Superintendentin Müller rief die Selbstverpflichtungen in Erinnerung, die alle christlichen Kirchen Österreichs in ihrem Ökumenischen Sozialwort vor fünf Jahren formuliert haben. Die damaligen Forderungen hätten nichts an Aktualität verloren. Es gelte, die "Schöpfungsspiritualität" zu fördern, auf die Nachhaltigkeit als Ziel und Handlungsprinzip zu achten und mit den zahlreichen nichtkirchlichen Initiativen zu kooperieren, die sich ebenfalls dem Thema Schöpfungsverantwortung widmen. (ende)
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