Bischof Kapellari: "Pius XII. war einer von den großen Päpsten"

Der steirische Diözesanbischof zelebrierte in der Basilika von Mariazell Gedenkgottesdienst für den vor 50 Jahren verstorbenen Papst - Das "Schweigen des Papstes" zur Shoah: "Man soll Pius XII. nicht mit den Augen von Rolf Hochhuth, sondern im Blick auf das gesamte verfügbare historische Material sehen"

Mariazell, 5.10.08 (KAP) Der steirische Diözesanbischof (und stellvertretende Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz) Egon Kapellari hat am Sonntag bei einem Gedenkgottesdienst für den vor 50 Jahren verstorbenen Pius XII. in der Basilika von Mariazell die Größe des Pacelli-Papstes betont. Im Blick "auf das Ganze seines Wirkens" erscheine Pius XII. "als einer von den großen Päpsten der Kirchengeschichte". Der Pacelli-Papst habe in den Dimensionen seiner Person und seiner Zeit der Kirche viele Impulse gegeben, die "auch in das Zweite Vatikanische Konzil hineingewirkt haben und - wenn auch meist ohne Benennung ihres Ursprungs - heute weiterhin wirksam sind". In seinem Wesen und Wirken sei Pius XII. ein "moderner Papst" gewesen, wenn modern "im besten Sinn dieses Wortes" eine Synthese zwischen "unverzichtbarem Überkommenen und Vitalität verheißendem Neuen" bezeichnen soll.

Ausführlich ging Bischof Kapellari in seiner Predigt auf die Auseinandersetzungen um die Haltung des Papstes zur nationalsozialistischen Judenverfolgung ein. Der steirische Bischof erinnerte daran, dass es unmittelbar nach dem Tod von Pius XII. am 9. Oktober 1958 in der Weltöffentlichkeit "fast nur Stimmen des Respekts und der Dankbarkeit" gab - und zwar sowohl in der katholischen Weltkirche wie auch in der christlichen Ökumene, im Judentum, in anderen Weltreligionen und in nichtreligiösen humanistischen Milieus. In den fast 20 Jahren seines Pontifikats sei Pius XII. immer mehr als eine "der weltweit herausragendsten Gestalten des religiösen und geistigen Lebens" erschienen.

Diese Einschätzung habe sich geändert, als fünf Jahre nach dem Tod von Pius XII. der deutsche Schriftsteller Rolf Hochhuth sein Bühnenstück "Der Stellvertreter" präsentierte: "Hochhuth beschuldigte darin in suggestiver Dramatik den Papst, er habe dem durch Hitler betriebenen Vernichtungskampf gegen das jüdische Volk durch ängstliches Schweigen nicht auf eine für die Kirche mögliche Weise widerstanden". Das von Hochhuth entstellte Bild des Papstes, "als wäre dieser nur ein kühler Diplomat gewesen, dem die Kirchenräson wichtiger war als christliche Nächstenliebe", habe weithin die öffentliche Meinung in der sogenannten westlichen Welt stark geprägt und sei bis heute wirksam.

Ein "stiller Retter"

Der 50. Todestag des Papstes sei ein weiterer Anstoß, Pius XII. "in seiner Größe und auch mit seinen Grenzen" nicht mit den Augen Rolf Hochhuths", sondern "im Blick auf das gesamte verfügbare Material historischer Quellen" zu betrachten, unterstrich der steirische Bischof. Dann werde deutlich, dass der Papst dem Treiben der Nazi-Schergen bei der versuchten Vernichtung des jüdischen Volkes nicht tatenlos zusah, sondern als "stiller Retter" über diplomatische Kanäle, über Klöster, Priester und andere mutige Christen tausende jüdischer Menschen vor der sicheren Vernichtung retten konnte. Kapellari zitierte den aus Wien stammenden jüdischen Theologen und Historiker Pinchas Lapide (1922-1997), der die Zahl der von der Kirche geretteten Juden auf mindestens 700.000 geschätzt hat. Er verwies aber auch auf den römischen Priester Pirro Scavizzi (1884-1964), der als Militärgeistlicher mit den Hospitalzügen des Malteserordens 1940 bis 1942 im deutschen Machtbereich unterwegs war und den Papst über die Untaten der Nationalsozialisten informierte. Pius XII. sagte dem Priester wörtlich: "Vielleicht hätte mir ein feierlicher Protest das Lob der zivilisierten Welt eingetragen, aber er hätte den armen Juden eine noch unerbittlichere Verfolgung gebracht als die, die sie jetzt zu erleiden haben".

Der steirische Bischof erinnerte daran, dass diese Befürchtung des Papstes etwa nach dem Hirtenbrief der niederländischen Bischöfe vom 26. Juli 1942 Wahrheit wurde, in dem die Maßnahmen der deutschen Besatzer gegen die Juden mit deutlichen Worten angeprangert wurden. Als Antwort wurde die Verfolgung auch auf alle Christen jüdischer Herkunft ausgedehnt. Unter den Opfern war auch die - 1998 heilig gesprochene - große Philosophin Edith Stein (als Karmelitin Sr. Benedicta a Cruce), die aus ihrem Kloster in Echt nach Auschwitz verschleppt und dort vermutlich am 9. August 1942 ermordet wurde. Wörtlich sagte Bischof Kapellari: "50 Jahre nach dem Tod von Pius XII. und 66 Jahre nach dem Tod der Heiligen Edith Stein sollte man versuchen, diesen Papst in seinem Reden und Schweigen und in seinem verzehrenden Dienst für Gott und die Menschen mit den Augen dieser heiligen Karmelitin zu betrachten".

Der Messkelch, mit dem Bischof Kapellari am Sonntag zelebrierte, ist jener Kelch, den Kardinal Eugene Tisserant im Jahr 1957 als Geschenk von Pius XII. nach Mariazell gebracht hatte. Anlass war die 800-Jahr-Feier des österreichischen Nationalheiligtums, zu der Tisserant als Legat des Papstes entsandt worden war. Die fünf blutroten Edelsteine auf dem Kelchfuß seien zugleich ein Verweis auf die Wunden Christi und auf die Verklärung der Auferstehung, sagte der steirische Bischof: "So ist dieser Kelch ein bewegendes Symbol für das Ausgespanntsein der Kirche zwischen Leiden und Herrlichkeit und auch ein Symbol für die Gestalt und das Werk des Papstes Pius XII.". (ende)
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