Presseinformation 3 - XV. Wachauer Journalistentage

Reitan: Nähe-Distanz-Problematik zwischen Politik und Medien: Journalisten brauchen Nähe für Information und Distanz für Kritik

Dürnstein (OTS) - "Es gibt dieses Spannungsverhältnis", stellte Claus Reitan, Chefredakteur der Furche, zu Beginn seines Impulsreferates zum Thema "Im Vorhof der Macht - zum Spannungsverhältnis von Journalisten und Politikern?" fest. "Um sich als Journalist dem Kriterium des Qualitätsjournalismus zu stellen, müssen wir die Nähe-Distanz- Problematik bewältigen. Wir brauchen die Nähe für die Information und die Distanz für die Kritik. Journalisten müssen immer dabei sein, gleichzeitig aber wissen, dass sie nicht dazu gehören."

Das Spannungsverhältnis spiele sich auf verschiedenen Ebenen ab, so Reitan, Freund des "wissensbasierten Journalisten". Die Politik liefere den Rohstoff, die Journalisten verpacken und transportieren die Inhalte. "Massenmedien haben die Funktion, Wirklichkeit herzustellen." Einerseits kämpfen Journalisten gegen die Inszenierung der Politik, andererseits können Sachthemen ohne Personenbezug kaum transportiert werden. Das alles unter dem Kontext zweier Geschwindigkeiten: "Die Politik läuft langsam, die Medien schnell". Letztendlich gehe es im Sinne der Ökonomie der Aufmerksamkeit immer um die Frage: Ist es eine Geschichte oder nicht? "Journalisten sind die 'Gatekeeper', das macht die Politik verrückt", so Reitan abschließend.

Fürst: Übersetzung zwischen den Systemen Politik und Journalismus fehlt

Der Kabinettschef von Bundesminister Bartenstein, Holger Fürst, der vor seinem Wechsel in die Politik auch als Journalist gearbeitet hatte, betonte die unterschiedlichen Erwartungshaltungen der Journalisten an die Politik und umgekehrt. "Es gibt wenig gegenseitiges Verständnis für die Arbeitsweise beider Metiers, da die Übersetzung zwischen den Systemen fehlt". Diese unterschiedlichen Vorstellungen in Einklang zu bringen sei die große Herausforderung, so Fürst. "Das Naheverhältnis zwischen Politik und Journalismus zieht eine fehlende Distanz sowie auch Spannungen und Abhängigkeiten nach sich". Fürst beklagte das Fehlen von Regulativen, das führe zu Abhängigkeiten, was wiederum inhaltliche Konsequenzen und ökonomische Auswirkungen mit sich bringe. Trotzdem: "Gradmesser für Politik ist die veröffentlichte Meinung", schloss Fürst seine Ausführungen.

Unterberger: Qualitätsjournalismus darf nicht Hobby für manche Intellektuelle sein

Der Chefredakteur der Wiener Zeitung, Andreas Unterberger, sprach zum Thema "Der Mut zum aufrechten Gang - redlicher Journalismus ist auch eine Charakterfrage" und kritisierte vehement die rezenten Entwicklungen im Medienbereich. "Die größte Bedrohung für einen unabhängigen Journalismus" sieht er in "strukturellen Eingriffen in die Medienlandschaft, sprich Medienkonzentration." Dazu komme, dass der "Missbrauch öffentlicher Mittel, um sich Medien zu kaufen sowie der Missbrauch öffentlich rechtlicher Strukturen zur Bedrohung der liberalen Demokratie" führe, sagte Unterberger. Aber, so der Chefredakteur weiter, Medien könnten nicht ohne Vertrauen und Glaubwürdigkeit existieren, beides sei schnell verspielt, jedoch schwer wieder zu gewinnen. So gebe es in Österreich auch keine Verlegerpersönlichkeit mehr, die sich für den Staat verantwortlich fühle. "Wahrheit und Charakter als Hauptziel des Journalismus sind notwendige Dienste an der Gesellschaft. Wenn der Journalismus diese nicht mehr erfüllt, werden Demokratie und freier Journalismus den Bach hinunter gehen. Qualitätsjournalismus darf nicht ein Hobby für manche Intellektuelle sein", appellierte Unterberger abschließend.

Wehrschütz: Ausländische Beteiligungen in südosteuropäischen Ländern tragen nicht zur Verbesserung journalistischer Qualität bei

Christian Wehrschütz, langjähriger Auslandskorrespondent des ORF in Südosteuropa, vermisste in seinem Statement "Der lange Weg zur journalistischen Unabhängigkeit - auf der Suche nach europäischen Standards" genau diese Grundsätze. Dies wohl auch deshalb, da laut Wehrschütz ausländische Beteiligungen in südosteuropäischen Ländern "nicht zur Verbesserung der journalistischen Qualität auf dem Balkan beigetragen haben". Die Entwicklung der Medien in jungen Demokratien sei vor allem "von politischem und ökonomischem Druck, nicht funktionierenden Gerichten und schlechter Bezahlung der Journalisten" gekennzeichnet. Eines sei jedoch auffällig: Der Kampf um demokratische Freiheitsrechte werde dort öffentlicher geführt als etwa in Österreich, schloss Wehrschütz.

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