Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Sie haben es alle gewusst"

Ausgabe vom 3. Oktober 2008

Wien (OTS) - Es droht eine Wirtschaftskrise. Das österreichische politische System steckt in der tiefsten Krise seit langem. Und was diskutieren unsere Linksintellektuellen? Vorgestrige Fragen wie die nach einer "deutschen Kulturgemeinschaft". Der Wahltag war freilich der Offenbarungseid dieses nur in den Medien starken Grüppleins:
Zwischen dem vernichteten LIF, den schlafenden Grünen und der dezimierten SPÖ haben sie keinerlei Spuren hinterlassen.

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Ebenso irrelevant sind jene Ökonomen und Interessenvertreter, die nun behaupten, die Krise immer schon vorhergesagt zu haben. Dabei hatten die meisten von ihnen in Wahrheit völlig falsche Feinde bekämpft: etwa die angeblich zu strengen Kreditvergaberegeln (das Basel-II-Abkommen). Oder die Europäische Zentralbank, weil diese im Gegensatz zu den USA die Kreditzinsen nicht gesenkt hat.
Die USA hatten nach dem 11. September 2001 aus Populismus eine Konjunkturflaute zu vermeiden versucht und daher via Niedrigzinsen de facto Geld gedruckt und damit zuerst die Stimmung, dann aber die Immobilienblase aufgeblasen. In Wahrheit sollten daher Europas Länder, die in der Wirtschaftspolitik selbst viel falsch machen, für Basel II und die EZB Tausende Kerzen anzünden. Wer glaubt, den Menschen jede kleine Krise (durch Inflation oder auf dem Arbeitsmarkt) ersparen zu müssen, verschärft die später einmal unweigerlich ausbrechenden großen Krisen umso mehr.

Geradezu amüsant ist es auch, wenn jetzt manche nach Verstaatlichung der Banken rufen. Denn: Die staatlichen Banken Deutschlands sind in der Krise weitaus schlimmer eingefahren als die privaten; auch in Österreich sind gerade die politisch kontrollierten Banken (Bawag, Bank Austria, Bank Burgenland) ins Trudeln gekommen; und eine Studie des Ifo-Instituts beweist, dass die Aufsichtsräte in staatlichen Banken über viel weniger Sachverstand und Erfahrung verfügen als die in privaten.
Hinter dem Verstaatlichungs-Traum steckt der Glaube, so könne man die wilden Ausschläge der Märkte ausschalten. Diese entstehen aber durch den unvermeidlichen kollektiven Stimmungwechsel zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Verstaatlichungen haben da, wie die Geschichte lehrt, bestenfalls eines bewirkt: das Stimmungsbarometer auf ein Dauertief zu drücken.

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