"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Hoch gepokert, alles verspielt" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 03.10.2008

Wien (OTS) - Eine Krisensitzung jagt die nächste: Elf Banken sind heuer allein den USA schon Bankrott gegangen; vier europäische Banken in Großbritannien, Deutschland, Holland und Belgien mussten von den jeweiligen Regierungen aufgefangen werden. Menschen stehen vor Bankschaltern, weil sie um ihr Geld bangen und es vom Konto abheben wollen.
Wer all das vor einem Jahr prognostiziert hätte, wäre nicht einmal als verrückt bezeichnet worden: Man hätte einem solchen Spinner gar nicht zugehört. Heute ist es Realität.
Auch scheinbar krisenfeste europäische Banken sind mitten im Strudel. Die UniCredit beispielsweise, Mutter der eben erst in "UniCredit BankAustria AG" umgetauften größten heimischen Bank, will am Ende des Jahres durch Ausgliederung des Immobilienportefeuilles und Verminderung von riskanten Veranlagungen eine etwas höhere Eigenkapitalquote zu erreichen. Das verschiebt die Risiken nur auf andere Ebenen, verbessert aber die Situation nicht wirklich.
Die Nervosität der Kunden ist verständlich. Grund zur echten Panik gibt es für österreichische Anleger derzeit zwar nicht. Aber wirklich beruhigend haben die internationalen Bemühungen um die Stabilisierung des Systems auch nicht gewirkt.
Derzeit traut keiner mehr dem anderen über den Weg. Die Banken haben in ihrer Gier nach noch mehr Umsatz und noch mehr Gewinn das Wichtigste verspielt, das es im Geldgeschäft gibt: Vertrauen. "Geld muss geglaubt werden", es hat für sich allein genommen ja keinen Wert.
Das ist jetzt das eigentliche Problem: Niemand ist davon überzeugt, dass das Geld auf "seiner" Bank wirklich sicher ist. Banken geben einander nicht mehr Kredit - Zwischenbankeinlagen nennt man das im Fachjargon; Kunden ziehen Einlagen ab. Geld ist knapp geworden. Darunter leiden bereits jetzt die amerikanischen Konsumenten. Jahrelang haben ihnen Bank Kredite nachgeschmissen, obwohl klar sein musste, dass viele Zinsen und Tilgungsraten aus ihrem Einkommen niemals zahlen konnten. Heute bekommt man auch mit hohem Einkommen und besten Sicherheiten kaum noch Kredit. Der Konsum bricht ein, die Wirtschaft schlittert in eine Rezession.
Der drohende Zusammenbruch des Weltfinanzsystems bedeutet nicht zwangsläufig das Ende des Kapitalismus und der freien Wirtschaft. Die Krise zeigt aber, dass der Kapitalismus nur funktioniert, wenn es Regeln gibt, die für alle gelten und die auch kontrolliert werden. Das hat in den letzten Jahren nicht funktioniert. Die Investmentbanken, die ihr Geld fernab vom Geschäft mit normalen Kunden durch die Finanzierung von Mega-Fusionen und Kapitalerhöhungen verdient haben, blieben unkontrolliert.
Die Regierungen in den USA, aber auch in Europa müssen jetzt mit Milliarden an Steuergeldern den definitiven Zusammenbruch des Finanzsystems verhindern. Das ist ungerecht, weil die Gewinne in private Taschen geflossen sind, die Verluste aber jetzt von der Allgemeinheit getragen werden.
Aber es ist die einzige Lösung, um einen totalen Crash zu verhindern. Der würde Sparer und Anleger vollends um ihr Geld bringen und wäre deshalb noch unfairer. Wer das Weltfinanzsystem kurieren will, aber nur die Wahl zwischen Pest und Cholera hat, ist wahrlich nicht zu beneiden.

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