"Der Finanzmarkt braucht mehr Kontrolle"

Direktor der Katholischen Sozialakademie, Markus Schlagnitweit, kritisiert Schieflage, wenn Verluste durch öffentlichen Hand "sozialisiert" werden, Gewinne aber privat bleiben

Wien, 2.10.08 (KAP) Dem Direktor der Katholischen Sozialakademie Österreichs (ksoe), Markus Schlagnitweit, zufolge, bedarf es angesichts der derzeitigen akuten Banken- und Finanzkrise grundlegender Reformen des internationalen Finanzmarktes. Auch wenn das 700 Milliarden Dollar schwere Rettungspaket der US-Regierung erfolgreich sei, könne man danach nicht zur Tagesordnung übergehen, betonte der kirchliche Wirtschaftsexperte im Gespräch mit "Kathpress".

Wenn von der öffentlichen Hand rettende "Feuerwehrmaßnahmen" erwartet werden, müssten hinkünftig auch wirksamere nationale und zwischenstaatliche Kontrollmechanismen geschaffen werden, sagte Schlagnitweit. Es komme zu einer bedenklichen "Schieflage", wenn Verluste durch einzelne Staaten und letztlich die Steuerzahler "sozialisiert" werden, die Gewinne aber privat bleiben sollen. Der ksoe-Direktor plädierte dafür, dass die Bürger zu Teilhabern an sanierungsbedürftigen Bankinstituten werden bzw. dass über öffentliche Bankenanteile Sperrminoritäten eingerichtet werden und "Kontrolle durch Transparenz" entsteht.

Nach dem Greifen von Rettungsmaßnahmen muss nach den Worten Schlagnitweits eine profunde Analyse folgen, wie es zum momentanen Börsen-Crash kommen konnte. In den letzten Jahren habe sich der Finanzmarkt zu einer Art Spielkasino entwickelt, so Schlagnitweit. Auch für Fachleute sei es schwierig, den zuletzt "verrückten Handel mit faulen Krediten" zu durchschauen, die gebündelt mit seriösen Krediten immer wieder weiterverkauft worden seien: "Es wurde versucht, aus allem Geld zu machen", so der ksoe-Direktor zur zuletzt herrschenden Eigendynamik.

Krise als Chance nutzen

Experten hätten immer wieder vor möglichen Folgen gewarnt. Durch die aktuelle Krise sei nun jedoch auch die öffentliche Stimmung günstig, um endlich vernünftige Regulative einzuführen. Dabei wollte Schlagnitweit nicht einer Überregulierung das Wort reden, es gehe in erster Linie um Kontrolle. Auch eine generelle Skepsis gegenüber Aktien hält er für nicht angemessen, da Beteiligungen für Unternehmen oft ein legitimer Weg seien, an notwendiges Kapital zu gelangen. Für sehr wohl "problematisch" hält er aber Gewinne, die nur auf Spekulation beruhten und nicht auf Produkten oder Dienstleistungen. Hier gelte es auch steuerrechtliche Lücken zu schließen, forderte Schlagnitweit.

Weiters seien Steueroasen, durch die den Nationalstaaten "Unmengen an Geld verloren gehen", trockengelegt werden und Finanztransaktionssteuern wie die "Tobin-Tax" eingehoben werden. Schlagnitweit übte in diesem Punkt scharfe Kritik am österreichischen Parlament, das in seiner letzten Zusammenkunft vor der Nationalratswahl trotz eines parteiübergreifenden Bekenntnisses zu Finanztransaktionssteuern zu keinem Beschluss kam. Entsprechende Anträge von SPÖ und Grünen seien vom politischen Gegner abgelehnt worden, "weil man dem anderen kurz vor der Wahl keinen Erfolg gönnen wollte".

Nach Einschätzung Schlagnitweits hätte Österreich auch als kleines Land sehr wohl Einflussmöglichkeiten auf den internationalen Finanzmarkt. Beim in Kürze wieder tagenden "Ecofin-Rat", dem aus den Finanzministern bestehenden EU-Gremium für Wirtschaft und Finanzen, könnte Österreich das Anliegen, Geldflüsse zu besteuern, einbringen und dafür Verbündete suchen. Und Österreich könnte auch die schon angedachte EU-weite Finanzmarktaufsichtsbehörde forcieren, die die überforderten nationalen Einrichtungen ergänzen sollte.

Als Einzelperson könne man auf ethisches Investment setzen, bei dem Gelder nur nach strengen ökologischen und sozialen Kriterien veranlagt werden, rät Schlagnitweit. Mehr Gewicht habe der im deutschsprachigen Raum agierende Verein "Corporate Responsibility Interface Center" (CRIC), in dem sich kirchliche Einrichtungen als ethisch orientierte Investoren zusammenschließen und bei Banken und Unternehmen gemeinsam Druck in Richtung ethisches Investment machen. Schlagnitweit sitzt selbst im CRIC-Vorstand (erster Vorsitzender ist der Wiener Sozialethiker Klaus Gabriel) und verfolgt laut eigenem Bekunden aktiv eine Anlagepolitik auf der Basis der christlichen Soziallehre. (ende)
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