Wien: Gedenken an mutiges "Rosenkranzfest" vor 70 Jahren

Am 7. Oktober 1938 bekundeten 7.000 Jugendliche und Kardinal Innitzer ihren geistigen Widerstand gegen den Nationalsozialismus -Gedenkveranstaltung von Cartell-Verband und Katholischer Jugend mit Kardinal Schönborn im Stephansdom und auf dem Stephansplatz

Wien, 1.10.08 (KAP) Am 7. Oktober jährt sich zum 70. Mal die Jugendfeier zum Rosenkranzfest im Wiener Stephansdom. Die Feier mit dem damaligen Wiener Erzbischof, Kardinal Theodor Innitzer, war die größte Manifestation des geistigen Widerstands gegen den Nationalsozialismus im gesamten sogenannten "Großdeutschen Reich".

Zum Gedenken an die damaligen Ereignisse wird Kardinal Christoph Schönborn am Dienstag, 7. Oktober, um 18 Uhr im Stephansdom eine Messe feiern. Im Anschluss daran wird auf dem Stephansplatz zwischen Dom und Curhaus eine Kundgebung abgehalten, in deren Mittelpunkt ein überdimensionaler Rosenkranz mit von Jugendlichen gestalteten "Rosenkranzperlen" steht. Organisiert wird das Gedenken vom Österreichischen Cartell-Verband (ÖCV), dem Mittelschülerkartellverband (MKV) und der Katholischen Jugend (KJ).

Im September 1938 war die Wiener katholische Jugend über das offizielle "Wiener Diözesanblatt" zum traditionellen Rosenkranzfest eingeladen worden. Schon diese Ankündigung signalisierte einen Akt des Widerstandes und wurde vom totalitären NS-System als Herausforderung empfunden. 7.000 junge Menschen erschienen am 7. Oktober im Stephansdom und hörten die Predigt Kardinal Innitzers, die vom Eingeständnis seines Irrtums und seiner Enttäuschung über das Verhalten der Nationalsozialisten geprägt war.

"Euer Führer ist Christus"

Kardinal Innitzer predigte in Abänderung des gedruckten Programms nicht vorne beim Altar, sondern bestieg wegen der unerwartet hohen Anzahl von Jugendlichen die berühmte Pilgramkanzel. Seine Ansprache gipfelte in den Worten: "Einer ist euer Führer, euer Führer ist Christus, wenn ihr Ihm die Treue haltet, werdet ihr niemals verloren gehen".

Die Jugendlichen versammelten sich nach der Andacht spontan vor dem Erzbischöflichen Palais, um nachdrücklich ihre Solidarität mit Kirche und Kardinal zu bekunden. Tausende ließen Innitzer hochleben. Sprechchöre mit Rufen wie "Wir wollen unseren Bischof sehen!" wurden angestimmt - eine "Provokation" in den Augen der NSDAP-Funktionäre, die natürlich die Anspielung auf die Hitler-Parolen merkte. Kardinal Innitzer winkte zögernd aus einem Fenster im ersten Stock an der Ecke der Rotenturmstraße und gab dann mit beiden Armen deutliche Zeichen, dass die Jugendlichen nach Hause gehen sollten.

"Hitler-Jugend" und Gestapo verhafteten von dieser Kundgebung weg Jugendliche, einige kamen später sogar ins KZ. Am folgenden Tag, dem 8. Oktober, schlug das Regime dann mit voller Härte zurück. "Spontan", tatsächlich aber gut organisiert, stürmte die "Hitler-Jugend" (HJ) - Schlägertrupps, bestehend aus 17- bis 25-jährigen - das Erzbischöfliche Palais und das Curhaus am Stephansplatz 3. Kardinal Innitzer konnte im letzten Moment in Sicherheit gebracht werden, das Palais wurde verwüstet. Das Christus-Bild, das die "Hitler-Jungen" mit ihren Dolchen zerfetzten, hängt heute im Konsistorialsaal des Palais. Im Curhaus fiel der HJ der Domkurat Johannes Krawarik in die Hände. Er wurde aus dem Fenster geworfen; dass er dabei nicht getötet wurde, hatte er einem Sandhaufen zu verdanken. Mehr als eine Stunde wurde ihm ein Arzt verweigert. Er zog sich so schwere Verletzungen zu, dass er bis Februar 1939 im Spital bleiben musste.

Die Polizei sah dem Treiben der HJ untätig zu, der Nazi-Polizeipräsident saß im Kaffeehaus und schaute auf die Uhr, ob die mit der Partei vereinbarte Zeitspanne für das wüste Treiben schon abgelaufen war.

Eine Woche später fand eine Massenkundgebung der Nationalsozialisten mit 200.000 Menschen auf dem Wiener Heldenplatz statt. Sie war explizit gegen die Katholische Kirche gerichtet. Der Wiener Gauleiter Josef Bürckel wetterte gegen Kardinal Innitzer, wobei die Masse johlte. Nazis zogen darauf mit Pfuirufen am Erzbischöflichen Palais vorbei. Auf Spruchbändern war etwa zu lesen: "Die Pfaffen an den Galgen", "Innitzer nach Dachau", "Innitzer und Jud, eine Brut".

Pressekonferenz und Ausstellung

Am Donnerstag, 2. Oktober, laden ÖVC, MKV und KJ aus Anlass der Gedenkfeier zu einer Pressekonferenz unter dem Titel "70 Jahre Rosenkranzfest am 7. Oktober 1938 – Gedenkfeierlichkeiten am 7. Oktober 2008". Als Gesprächspartner stehen Jugendseelsorger Gregor Jansen, die Diözesanvorsitzende der Katholischen Jugend Wien, Maresi Böhm, und der Landessenior des Wiener Stadtverbandes des Mittelschüler-Kartell-Verbandes, Philipp Sandpeck, zur Verfügung. Die Pressekonferenz findet am Donnerstag, 2. Oktober, um 11 Uhr im "Club Stephansplatz 4" (Stephansplatz 4, 1010 Wien) statt.

Im Rahmen der Pressekonferenz wird darüber hinaus auch das Ausstellungsprojekt "Österreichischer Widerstand von 1938 bis 1945" präsentiert. Die Ausstellung, die am 7. Oktober um 10.30 Uhr offiziell von Dompfarrer Anton Faber auf dem Stephansplatz eröffnet wird, ist ein gemeinsames Projekt der Katholischen Jugend Wien in Zusammenarbeit mit dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes und dem Diözesanarchiv der Erzdiözese Wien. Der Großteil der verwendeten Texte und Bilder ist dabei der ständigen Ausstellung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes entnommen. (ende)
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