"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Pröll krempelt ÖVP völlig um" Von Frank Staud)

Ausgabe vom 30. September 2008

Innsbruck (OTS) - Hätte die ÖVP den Obmannwechsel vor der Wahl vollzogen, wäre sie jetzt nicht im Tal der Tränen.

Dass Wilhelm Molterer am Tag nach der historischen ÖVP-Wahlschlappe seinen Hut nimmt, ist die logische Konsequenz, in Zeiten wie diesen aber längst nicht selbstverständlich. Der scheidende Parteichef verdient daher Respekt. Die ÖVP erspart sich damit eine monatelange Selbstzerfleischung und Molterer sich ein Schicksal wie einst Alois Mock. Einer der Fädenzieher der Hofübergabe war einmal mehr der einflussreichste Tiroler VP-Grande in Wien, Andreas Khol. Mit dem Wechsel an der Parteispitze läuft auch die Zeit von Wolfgang Schüssel als Klubchef sowie von Hannes Missethon als Parteimanager ab. Pröll galt schon lange als Kronprinz in der ÖVP. Molterer und Schüssel wollten den kometenhaften Aufstieg des Niederösterreichers, der mit einer Rumerin verheiratet ist, jedoch jäh bremsen. Daher verhinderten sie Pröll als Platter-Nachfolger im Innenministerium. Ein folgenschwerer strategischer Fehler. Die ÖVP muss sich die Frage gefallen lassen, ob sie nicht eine große Chance vertan hat. Denn hätte die Volkspartei ähnlich kompromisslos und rigoros wie die SPÖ kurz vor der Wahl ihren Spitzenkandidaten ausgetauscht, wäre sie jetzt nicht im Tal der Tränen. Pröll wird die ÖVP vollkommen umkrempeln und modernisieren. Er ist etwa ein Befürworter der Homo-Ehe am Standesamt. Ob unter den bisherigen Koordinatoren der großen Koalition, Pröll und Werner Faymann, diese jetzt eine Neuauflage erlebt, ist wahrscheinlich, aber längst nicht fix. Denn bei den Schwarzen gibt es nicht wenige, die überzeugt sind, dass eine VP-Erneuerung nur in der Opposition gelingen kann.

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