Der lange Abschied des Wilhelm M.

"Oberösterreichische Nachrichten"-Leitartikel vom 30. 9., von Wolfgang Braun

Wien (OTS) - Schon lange hat kein Politiker mehr der Realität so entrückt gewirkt wie Wilhelm Molterer am Wahlabend bei der Fernseh-Diskussion der Spitzenkandidaten. Immer noch gefangen in dem Programm, dem er seit Wochen im Wahlkampf folgte, schien das Ausmaß des VP-Debakels noch nicht zu ihm durchgedrungen zu sein. Den Autopilot auf Selbstschutz und Durchhalten gestellt, bot er den Beweis, wie einsam es für ihn an der Spitze bereits geworden sein muss.
Dass er mit seiner Entscheidung zur Neuwahl die SP erst wieder zum Leben erweckte, weil er damit half, deren Wechsel an der Parteispitze zu beschleunigen, war sein vermutlich schwerster strategischer Fehler. Es folgten ein stümperhafter Wahlkampf und Molterers Rückzug in seinen engsten Kreis, der ihn alles andere als gut beriet.
In Wirklichkeit hat Molterer damit schon vor dem Wahltag die Obmann-Debatte in der VP eröffnet - und zugleich auch die Diskussion, wohin sich die Volkspartei in Zukunft wendet. In die Umarmung Werner Faymanns? In die Opposition? Oder doch noch einmal - gegen große interne Widerstände - in das Wagnis mit FP und BZÖ?
Mit der gestrigen Kür von Umweltminister Josef Pröll zum designierten VP-Chef ist eine Neuauflage von Rot-Schwarz wahrscheinlicher geworden. Zumindest sind seine Unterstützer ausgewiesene Gegner einer Koalition mit FP und BZÖ. Und die Opposition ist für den im VP-Kernland Niederösterreich sozialisierten Pröll ebenfalls nicht wirklich die Variante, für die er sich erwärmen kann.
Kommt es tatsächlich wieder zur SP-VP-Koalition, sind SP-Chef Faymann und Pröll nicht zu beneiden: Einerseits müssen sie die weitere Abwanderung von Wählern zu FP und BZÖ stoppen, andererseits könnten die Auswirkungen der nach Europa kommenden Bankenkrise ihren Handlungsspielraum gehörig einschränken. Das sind Herausforderungen, an denen schon Große Koalitionen gescheitert sind. Nun müsste sich ihnen eine kleine Große Koalition stellen.

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