"KURIER"-Kommentar von Christoph Kotanko: Das Ende zweier Volksparteien

SPÖ und ÖVP haben ihren historischen Tiefstand selbst verschuldet.

Wien (OTS) - Werner Faymann und die Krone wollten eine Volksabstimmung. Am Sonntag hat sie stattgefunden. Das Ergebnis: Der stärkste Rechtsruck in der Geschichte der Zweiten Republik; die SPÖ auf dem historischen Tiefstand; die "Volkspartei" reduziert auf den Kern ihrer Wählerschaft; weltoffene Gruppen wie Grüne und
Liberale schwer geschlagen und die rabiaten Rechten im Siegestaumel.

Man kann von einer Selbstentmachtung der bisherigen Großparteien sprechen. Ihre Fehler waren das Fremdkapital, das Strache & Haider zugute kam.

Die SPÖ unterwarf sich dem Dichandismus und wollte mit Europa-Kritik punkten. Der Versuch, die SPÖ zur Protestpartei umzupolen, endete in der Pleite.

Faymann verschaffte zwar der Anti-EU-Haltung breite Akzeptanz -aber am Sonntag liefen die verdrossenen Bürger in Scharen zu Strache & Haider über, denn diese beiden sind unschlagbar beim Dagegensein.

Faymanns zweites Thema war der Kampf gegen die Teuerung. Da wurde mit sinnlosen Debatten viel Kraft verschwendet, die man besser für anderes eingesetzt hätte, etwa für eine kluge Steuersenkung.

Die SPÖ behält trotz ihrer Schlappe den 1. Platz.

Für die ÖVP dagegen setzte es die schwerste Niederlage der Parteigeschichte. Sie wurde Opfer ihrer Revanchegelüste. Die Schwarzen haben es nie verwunden, dass Gusenbauer 2006 den Wende-Kanzler Schüssel ablöste. Daher wollten sie jeden Erfolg des SPÖ-Regierungschefs verhindern - auch in Bereichen, wo gemeinsame Schritte Vorteile für alle gebracht hätten.

Die Rechnung präsentiert

Als die SPÖ blitzschnell Gusenbauer durch Faymann ersetzte, war die ÖVP überrumpelt. In ihrer Panik beendete sie die Koalition, ohne einen überzeugenden Spitzenkandidaten und ein zugkräftiges Wahlkampfthema zu haben. Gestern bekam sie von den Wählern die Rechnung präsentiert.

Die einstigen Großparteien haben ein Desaster ungeheuren Ausmaßes erlitten. Das rot-schwarze System, das die Republik über Jahrzehnte prägte, ist zu Ende.

Oberflächlich hat das mit taktischen Fehlern, matten Spitzenkandidaten und programmatischen Schwächen zu tun. Der tiefere Grund ist, dass SPÖ und ÖVP seit Längerem keine echten Volksparteien mehr sind, sondern nur mehr der gemeinsame Nenner ihrer Interessenvertretungen, die Summe ihrer Lobbys.

Diese Enge und Starrheit begünstigt den Aufstieg rabiater Protestparteien. Die sind das Auffanglager für Enttäuschte. Das BZÖ unter Westenthaler war klinisch tot; Haider erweckte es binnen kürzester Zeit zum Leben. Strache profitierte von seinem hemmungslosen Wahlkampf und der alteingeführten Marke FPÖ.

Was nun? Werner Faymann hat die größte Chance, Kanzler zu werden. Er möchte mit der ÖVP regieren. Unter den gegebenen Verhältnissen ist der Neustart schwierig. Gefragt wäre eine Allianz der Vernünftigen. Doch es kann lange dauern, bis die Republik wieder eine handlungsfähige Regierung hat.

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