"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der lange, blutige Weg vom Scheiterhaufen in die Wahlzelle" (Von Frido Hütter)

Ausgabe vom 27.09.2008

Graz (OTS) - Wenn Sie morgen einigermaßen sicher auf Seiten einer stabilen Mittelpartei landen wollen, gehen Sie einfach nicht wählen. Enthalten Sie sich Ihrer Stimme und werden Sie Mitglied im gar nicht exklusiven Klub der Nichtwähler.

Beim Urnengang 2006 lag diese Schattenpartei mit 21,5 Prozent (das sind 1,3 Millionen Nicht-Stimmen) weit vor den Grünen und der FPÖ auf Rang drei. Man könnte es einen Aufschrei des Schweigens nennen. Bloß:
Wer soll diesen hören? Und: Was kann er bewirken?

Im nämlichen Fall gar nichts, denn trotz dieser erschreckend hohen Verweigerung rissen sich die solcherart Abgelehnten nicht am Riemen und schufen kein neues Vertrauen in ihre Arbeit. Was wir 2006 bekommen haben, war eher eine Bundesnegierung, die sich lange vor ihrem Ablaufdatum selbst an die Wand fuhr.

"Wählen" leitet sich vom althochdeutschen "wellan" ab, das wiederum mit unserem heutigen Wort "wollen" verwandt ist. Wenn eine Million Österreicher nichts mehr wollen, ist das eine ziemlich betrübliche Sache.

Gottlob stimmt das nicht ganz: Die Mehrzahl der Nicht- oder Weiß-Wähler versteht ihre Unterlassung als Botschaft an die Parteien, als spürbaren Protest.

Das ist ebenso aufrichtig wie naiv. Die Demokratie lebt nun einmal von quantitativen Mehrheiten. (Man mag das getrost als ihre Schwäche betrachten.) Selbige schicken ihre Exponenten ins Parlament, wo dann Entscheidungen gefällt werden, die alle betreffen.

Dummerweise haben die Nichtwähler weder Sitz noch Stimme im Hohen Haus. Sie sind de facto völlig machtlos und somit für jene, die Macht erringen und behalten wollen, völlig uninteressant. Bis auf ein paar Betroffenheitsfloskeln haben die Nichtwähler keinerlei Beachtung zu erwarten.

Die Wahl zu haben, ist ein Geschenk, das wir Aufrührern, Denkern und politischen Märtyrern verdanken. Sie starben auf den Scheiterhäufen der Inquisition und in den Bauernkriegen, im Kugelhagel der Revolutionen, in den Todeslagern Stalins, in den KZs der Nazis.

So betrachtet haben wir neben dem Wahlrecht auch eine persönliche Wahlpflicht, sollten die Helden des Freiheitskampfes nicht umsonst gestorben sein.

Das vielleicht wichtigste Diktum zu diesem Thema stammt von Friedrich Torberg und lautet: "Wer sich nicht um Politik kümmert, muss damit rechnen, dass sich die Politik alsbald um ihn kümmert." - Das sollte eigentlich reichen, um morgen den Weg in die Wahlzelle zu finden.****

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