Die letzte Party im Parlament

"Presse"-Leitartikel, vom 24. September 2008, von Michael Prüller

Wien (OTS) - Weil mir heut' so lusti' beinander grad san, liegt
uns an a'm Geld a nix dran. (Wienerlied, 1896)

Von Josef Hornig, dem Meister des Wienerliedes, stammt der Text zu "Es wird ein Wein sein", das der Literat Peter Altenberg "das beste, rührendste und tiefste wienerische Couplet" genannt hat, in dem die "ganze süße, herzige und leichtsinnige Lebensfreude des Wieners" liege. Wer betrachtet, wie eine ausgelassene Parlamentarierschar heute - wie eine Hofgesellschaft vor dem Eintreffen der Pest - ihre letzte, alles übersteigende Spendierhosenparty vor einem kalten Oppositionswinter oder einer alles vermiesenden Rezession feiert, möchte Altenberg beipflichten.

In diesem rauschhaften Abschied vor der Wahl offenbart sich noch einmal die "leichtsinnige Lebensfreude", die laut Nationalmythos ja allen Österreichern in die Wiege gelegt worden ist. Um mit Hornig zu singen: Wer wird denn schon spar'n, das fallt uns gar net ein, / Das heb'n ma uns auf, bis ma sterb'n . . . / Mir lassen nix z'ruck, no das is' schon bestimmt, / Mir ham alles gern, nur kan Streit. / Und dass ka' Notar unsern Erben was nimmt, / Verjuck' ma halt 's Geld voller Schneid. Der Refrain endet jedes Mal, nach einer Erinnerung daran, dass wir einmal "nimmer sein" werden, mit der Aufmunterung:
Drum greif' ma zua, grad is' no Zeit!

In der Tat hat das Ganze was Rührendes. Ein Miesepeter, wer da von Stimmenkauf redet. Ein Werner Faymann, dem jede Großmutter auf der Werbeverkaufsfahrt die Rheumadecke mit glühenden Wangen abkaufen würde, ist doch nicht so naiv zu glauben, dass man Wähler fängt, indem man ihnen schon vor der Wahl alles gibt, was man zu bieten hat. Natürlich will er mit seinen "fünf Punkten gegen die Teuerung" die Wahlen gewinnen - aber subtiler: Wenn er uns unser Geld herschenkt, dann, um die Authentizität seiner sozialdemokratischen Partei wiederherzustellen: Seht her, wir nehmen den Staat in die Pflicht für die Schwachen! Vorbei die Zeit, in der man dies hehre Ziel so neoliberalen Vorstellungen wie einem sparsamen Staatshaushalt untergeordnet hat. Der Preisanstieg ist ja seit Mai eigentlich vorbei, aber das ist gar nicht wichtig. Die SPÖ will damit ja kein reales Problem von irgendwem lösen. Sie will Signale setzen und ihre alte Fahne wieder hochhalten.

Das dürfte ihr auch gelungen sein. Die Gewerkschafter, nun wieder an wählbaren Listenplätzen, motzen nicht mehr gegen die "Abgehobenheit" der Parteispitze. Die alten Weltmänner der Sozialdemokratie, zunächst indigniert, weil die Rückbesinnung auf den kleinen Mann und seine großen Ängste nicht zuerst ihnen, sondern der "Kronen Zeitung" mitgeteilt wurde, haben sich brav wie nie für die Wahlwerbung rekrutieren lassen. Nur die paar Künstler, die die SPÖ früher als Motor des Modernismus missverstanden oder zumindest deren große Gießkanne bei der Kunstförderung genossen haben, haben sich in den Schmollwinkel zurückgezogen, der heuer LIF heißt. Aber sogar dadurch wird die SPÖ nur wieder authentischer, denn im Gemeindebau galt jemand wie ein Nitsch seit jeher ohnehin nur als schweinigelnder Schlossbesitzer.

Erstaunlich, aber wahr: Unter dem als ideologiefrei geltenden Werner Faymann wurde die Partei so klassisch-sozialdemokratisch wie zuletzt unter Fred Sinowatz. Aber ebenso wahr ist: Es hilft ihr nichts.

Ein gut aussehender, eloquenter, rasierter Spitzenkandidat, eine geeinte Partei, eine motivierte Gewerkschaft, dazu eine "Kronen Zeitung", die gelegentlich durchblicken lässt, dass sie Faymann nicht für völlig unwählbar hält - damit allein müsste die SPÖ weit vorn liegen. Jedenfalls vor einer leichenblassen ÖVP, vor dem Paintball-Dolm von der FPÖ, und wer da sonst noch kreucht und fleucht. Und trotzdem liegt die SPÖ in den Umfragen immer noch um gute sieben Prozentpunkte unter ihrem historischen Tiefststand von 2006 und nur innerhalb der statistischen Schwankungsbreite vor der ÖVP. Die ganze Geldausgabeparty hat Faymann vielleicht den Nimbus des Themenführers, aber kaum weitere Wählersympathien gebracht. Die Wähler sind ja nicht anders als der durchschnittliche Heurigengast:
Weinselig ist man selber. Sind es die anderen, ist es nur peinlich, allenfalls amüsant.

Dem Österreicher lachend einen Hunderter mit Spucke an die Stirn picken und dabei ehrlich der Meinung zu sein, dass der über so viel Generosität doch gerührt sein muss, erfüllt also weder den vorgegebenen noch seinen eigentlichen Zweck, ist völlig sinnlos. Aber man greift trotzdem zu, grad ist noch Zeit - noch eine Runde, bezahlt wird morgen, vielleicht! So geht es eben zu in unserem lieben Wien. Wo eben auch eine ÖVP, die wie der mürrische Gevatter Tod am Rande der Party Untergangsstimmung verbreitet, dabei fast dieselbe Sympathie genießt wie die fröhlich delirierende Mulatschag-Partie.

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