Jugendgewalt - ein Grund Alarm zu schlagen?

Kinder- und JugendexpertInnen warnen vor Hysterie und erarbeiten Lösungen beim dritten Diakonie-Symposium

Wien (OTS) - "Angst und Vertrauen spielt in der Debatte um Gewalt von und an Jugendlichen eine zentrale Rolle. Daher ist das Thema Jugendgewalt nicht nur Herausforderung für Politik, Jugendarbeit, Eltern und Schule, sondern vor allem auch für die Kirchen", betonte Mag. Hubert Stotter, Rektor der Diakonie Kärnten in seiner Begrüßung des Symposiums der Diakonie Kärnten und dem Diakonie Zentrum Spattstraße in Waiern/Feldkirchen.

Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreich forderte in seinen Einleitungsworten eine differenzierte und an den Bedürfnissen des einzelnen Jugendlichen orientierte Debatte über Jugendgewalt. "Holzschnittartige Analysen und einfache Antworten werden weder den jugendlichen Opfern noch Tätern gerecht."

Prof. Dr. Bringfriede Scheu, Studienbereichsleiterin "Soziales" an der Fachhochschule Kärnten in Feldkirchen tätig, fokussierte in ihrem Vortrag den Ansatz Gewalt als Lebensbewältigungsprozess. "Das Phänomen Gewalt ist weder neu, noch ein Phänomen der Jugend. Vielmehr erscheint oft Jugendlichen die Gewalt als ein adäquates Mittel, um für sie unangenehme oder neue Situationen in den Griff zu bekommen." Die Jugendlichen seien oftmals mit einer unübersichtlichen und widersprüchlich gewordenen sozialen und kulturellen Umwelt überfordert, es fehle ihnen die Eindeutigkeit in der sozialen Orientierung.

Die Expertin, selbst seit 16 Jahren in der Gewaltforschung, erkennt in der Gewalt eine Lebensstrategie, die Jugendliche aus Mangel an Alternativen, Fähigkeiten oder Kompetenzen anwenden. "Wir, als professionell Handelnde, haben die Verpflichtung nicht die Augen zu verschließen!" Sie schlägt daher vier Orientierungslinien vor: 1.) Die Förderung der sozialen Kompetenz 2.) Die Förderung der Kompetenz zur Konfliktbearbeitung 3.) Einübung von Mitbestimmung und Kompensationsstrategien 4.) Vermittlung von Anerkennung und Akzeptanz.

"Um das umzusetzen brauchen wir das Rad nicht neu zu erfinden, wir müssen es nur bedienen. Das heißt professionell Handelnde sollen sich ihrer Rolle als Kumpel und Vorbild bewusst sein. Das bedeutet klare Position zu beziehen, sich von Gewalt distanzieren und das gewalttätige Verhalten der Klientinnen und Klienten nicht billigen. Davor dürfen wir als Profis nicht zurückschrecken!", so ihr abschließender Appell.

Dr. Kurt Kurnig, klinischer Psychologe und Psychotherapeut, warnte vor Alarmismus und Negativismus im Umgang mit besorgniserregenden Gewaltstatistiken im Bezug auf Jugendliche und sieht einen Grund in einer feststellbaren Orientierungslosigkeit. Diese münde in verunsicherte Jugendliche, denen es an Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein mangelt. Ein Ventil dafür - sei seiner Ansicht nach - abweichendes Verhalten und im Extrem Kriminalität, die gleichzeitig oft Hilferuf sein kann. "Einen Ausweg aus dem Dilemma bietet die Prävention. Wir müssen sowohl die Alltagsbeziehungen in den Familien stärken, als auch Schulen z. B. Lehrerinnen und andere Autoritäten. Wenn wir Kinder und Jugendliche von der hohen Gewaltbereitschaft abbringen wollen, brauchen wir Unterstützung und Förderungen im Beziehungs- Lern- und Arbeitsplatzbereich", so Kurt Kurnig abschließend.

Die Seele als Fachbegriff

Prof. Dr. Werner Gerstl, Primarius für Kinder- und Neuropsychiatrie am Landeskrankenhaus Linz und Ärztlicher Leiter des Diakonie Zentrum Spattstraße leistete mit seinem Referat einen interessanten Beitrag zur heutigen wissenschaftlichen Diskussion rund um den Begriff der Seele: "Seele, Psyche Geist - ewig oder sterblich, diese Frage beschäftigt den Menschen und Vieles musste diese Seele im Laufe ihrer Geschichte, die untrennbar mit jener der menschlichen Existenz verbunden ist, erleiden und erdulden und mit ihr der Träger dieser Seele - der Mensch." Wenn eine wissenschaftliche Deutung versucht würde, dann müsse die Seele eine definierbare Instanz werden. "Wir sprechen von psychischen Erkrankungen und meinen etwas völlig anderes. Gesunder Körper und gesunder Geist, diese Formel stimmt nicht! So manche Athletin mit wunderschönem Körper, kann Depressionen oder Magersucht haben und so mancher entstellter, intellektuell geschwächter Mensch kann seelische Qualitäten haben, von denen wir viel lernen könnten."

Symposium Jugend 2020

Unter dem Titel "Jugendgewalt - Herausforderung für Politik, Jugendarbeit, Eltern und Schule" veranstaltete die Diakonie Kärnten mit dem Diakonie Zentrum Spattstraße bereits zum dritten Mal das Symposium "Jugend 2020". 150 Personen nahmen an der Veranstaltung teil. Das Symposium richtete sich besonders an PädagogInnen, PsychologInnen, VertreterInnen der Jugendwohlfahrt, Fachpersonal und StudentInnen. Ziel der Veranstaltung war es zu Diskussionen anzuregen, Hintergründe aufzuzeigen und "ideologisch verfestigte Grabenkämpfe" sowohl in der Politik als auch in der Praxis zu lösen. Die Fachvorträge fanden am Vormittag im Bildungshaus "Haus Philippus" der Diakonie Kärnten in der Martin-Luther-Straße 13, in Waiern/Feldkirch statt, am Nachmittag wurden Workshops zu einzelnen Themenkreisen angeboten.

Rückfragen & Kontakt:

Mag. Bettina Klinger
Leitung Kommunikation/Diakonie Österreich
Telefon: 01/409 8001-14
Mobil: 0664 / 314 93 95
E-Mail: bettina.klinger@diakonie.at
Internet: www.diakonie.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | DIK0001