Willkommen bei den Faymann Brothers

"Presse"-Leitartikel, vom 20. September 2008, von Michael Fleischhacker

Wien (OTS) - Was man der Wall Street vorwirft, tut auch der Wohlfahrtsstaat: Handel mit Versprechungen zulasten Dritter.

Wer derzeit nicht wirklich versteht, was auf den internationalen Finanzmärkten passiert, muss sich nicht genieren: Dieses Schicksal teilt er mit Spitzenökonomen, Bankchefs und erfolgreichen Wirtschaftsjuristen. So wie die Chefs etlicher großer Häuser, die in den vergangenen Wochen und Monaten vom Markt gefegt wurden, am Ende zugaben, dass sie selbst nicht wussten, welche Produkte ihre Leute da eigentlich kreiert hatten, herrscht jetzt auch angesichts der Frage, wie man da unter Vermeidung eines globalen Zusammenbruchs wieder herauskommen könnte, nicht viel mehr als gehobene Ratlosigkeit.
Das Kursfeuerwerk an den internationalen Märkten nach der Ankündigung der US-Administration in Washington, den Banken faule Kredite und wertlose Papiere im Gegenwert von 800 Milliarden Dollar abzunehmen, hat bestenfalls ambivalenten Charakter: Es signalisiert die Hoffnung darauf, dass die Politik dem Total-Crash nicht tatenlos zusehen wird, und verstärkt zugleich die Befürchtung, dass das Kalkül der giergesteuerten Akteure der Finanzmärkte, die Gewinne des Booms einzustreifen und die Verluste des Crashs der Allgemeinheit umzuhängen, perfekt aufgeht.
Wenn das Grundproblem der Superblase, die eben platzt, in einem ungeheuren Überschuss an billigem Geld besteht - und darüber zumindest herrscht weitgehend Einigkeit -, dann muss man wohl davon ausgehen, dass die riesigen Liquiditätsspritzen, mit denen die Märkte jetzt versorgt werden, zwar für den Moment den Zusammenbruch des Systems verhindern und die unausweichliche Korrektur hinausschieben, gleichzeitig aber den Korrekturbedarf vergrößern. Derzeit weiß de facto niemand, ob und wie man diese Korrektur als "soft landing" gestalten könnte.
Diesem Mangel an Expertise im Konkreten steht ein Überfluss an Expertise im Prinzipiellen gegenüber. All jene, die im "Finanzkapitalismus an sich" immer schon die Ursache von Armut, Verteilungsungerechtigkeit und Umweltzerstörung gesehen haben, sehen es als erwiesen an, dass es "so nicht weitergeht" und etwas "völlig Neues" hermuss. Der Menschheit im Allgemeinen und den Kapitalisten im Besonderen würde zunächst ein bisserl mehr Moral nicht schaden, hört man. Wie die Neukonstruktion der internationalen Wirtschaftswelt genau aussehen soll, wurde allerdings - mit Ausnahme der hübschen Idee, die Notenbanken sollten die Zinsen senken, was einer exakten Wiederholung der eben schmerzlich zu Ende gegangenen Entwicklung gleichkäme - auch noch nicht wirklich schlüssig dargelegt. Fix ist nur, dass jetzt mit dem Spekulantentum endgültig Schluss sein muss.

Die besondere Feinheit der Idee, Spekulation, also die Wette auf künftige Entwicklungen, zu verbieten, besteht darin, dass das Hauptanliegen ihrer Proponenten, der Wohlfahrtsstaat, auf demselben Prinzip beruht: Er agiert mit in die Zukunft projizierten Versprechen, deren Einlösung keine realwirtschaftliche Grundlage hat. Die Idee, dass amerikanische Einfamilienhäuser in ihrem Wert kontinuierlich so sehr im Wert steigen, dass man sich mit der - in Form eines Kredites vorab lukrierten - Differenz ein Leben weit über den durch sein Arbeitseinkommen finanzierbaren Verhältnissen leisten kann, ist absurd. Aber ist sie wirklich absurder als der Glaube daran, dass man die wegen der steigenden Lebenserwartung immer höher werdenden Pensionsleistungen des Staates ohne Erhöhung der Beiträge bei gleichzeitiger Erleichterung der Frühpension schon irgendwie wird finanzieren können? Wenn bei den einen nun nach schärferen Regeln gerufen wird - sollte es die nicht auch bei den andren geben?

Wer den Bürgern des Nationalstaates Leistungen verspricht, die nur zulasten Dritter - diesfalls der nachkommenden Generationen -erbracht werden können, handelt also im Prinzip - wenn auch mit der beruhigenden Gewissheit, dass es für einen guten Zweck ist und es als Zahler "die Richtigen" erwischt - nicht anders als die Zocker von der Wall Street. Würde man also die mit wahlkampfbedingt überzogenen Ratings versehenen Geschenkstitel, die derzeit an der österreichischen Politbörse so überhitzt gehandelt werden, in einem staatlichen Bankhaus bündeln, böte sich nach den Ereignissen der abgelaufenen Woche der Name "Faymann Brothers" an.

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