"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "EU-Bürger zweiter Klasse" (Von CARMEN BAUMGARTNER)

Roma-Vertreter fordern zu Recht klare Bekenntnisse von Brüssel. Ausgabe vom 17. September 2008

Innsbruck (OTS) - Hunderttausende von ihnen müssen unter erbärmlichen Zuständen, ohne Strom, Wasser und Kanalisation hausen; Kinder werden meist automatisch in die Sonder-, statt in die Regelschule geschickt; ihre Lebenserwartung liegt 10 bis 15 Jahre unter dem Durchschnitt. Die Rede ist nicht von den Bewohnern eines Entwicklungslandes weit weg von uns: Mit acht bis zehn Millionen Menschen sind die Sinti und Roma die größte Minderheit in Europa. Aufgrund des ersten EU-Gipfels, der ihnen gewidmet ist, stehen sie für ein paar Tage im Scheinwerferlicht. Die, die kaum ein Land haben will, die von vielen Nicht-Roma immer noch abwertend "Zigeuner" genannt werden, denen man in Italien kürzlich schon präventiv Fingerabdrücke abnehmen wollte. Gelebte Rassentrennung - willkommen im Europa des 21. Jahrhunderts.

Von Brüssel aus verordnete Patentlösungen gegen die Diskriminierungen der Sinti und Roma kann es nicht geben, alleine schon, weil viele Bereiche - wie etwa der Bildungszugang - in nationale Kompetenzen fallen. Konkrete Maßnahmen gegen Ghetto-Bildung und rassistische Übergriffe statt nur einer Image-Kampagne fordern die Roma-Vertreter von der EU aber zu Recht. Für ein friedliches Nebeneinander sind freilich beide Seiten gefordert: Die Gadje (Nicht-Roma) und das fahrende Volk selbst, welches seinen eigenen Gesetzen folgt - die den Gadje nicht immer verständlich sind.

Es ist ein schmaler, schwieriger Grat, den die EU mit ihrer Minderheitenpolitik gehen muss, und zwar schnell: Den der Integration ohne (Zwangs-)Assimilierung, mit einem klaren Nein zu Methoden wie in Italien. In einigen Teilen der EU herrscht bereits eine gefährliche Pogromstimmung.

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