Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Stunde der Börsewahrheit"

Ausgabe vom 17. September 2008

Wien (OTS) - "Wenn du wirklich an der Börse investieren willst, dann warte, bis dort alle ganz depressiv sind und dir jeder Guru von einer Anlage abrät." Ständig geht mir derzeit dieser Rat eines Mannes durch den Kopf, der einst an der Börse viel Geld gemacht hat. Aber zum Glück kann ich mangels Kleingelds seinen Rat ohnedies nicht ausprobieren.

Viele andere Experten sind in diesen Tagen endgültig ad absurdum geführt worden. Etwa jene (lustigerweise meist von sehr weit links kommenden), die seit Jahr und Tag die amerikanische Niedrigzins-Politik gelobt und den konservativen Kurs der europäischen Notenbank getadelt haben. Heute ist nämlich klar: Eine Hauptursache der schweren Finanzkrise in Amerika ist, dass dort Geld lange viel zu billig war, sodass es in Massen in nunmehr platzende Blasen fließen konnte. Dass die Aktivisten von Attac am Dienstag noch immer nach billigem Euro-Geld gerufen haben, sei nur für jene angemerkt, die wirklich geglaubt haben, dass jene Organisation nicht nur von Gewalt, sondern auch von Wirtschaft etwas verstünde.

Zum Schweigen gebracht wurden aber auch jene Lobbyisten des billigen Geldes (in WKO und Journalismus), die sich jahrelang über das "Basel-II"-Abkommen erregt haben, das die strenge Prüfung der Kreditwürdigkeit eines potenziellen Schuldners vorschreibt. Gerade solche Strenge ist in Wahrheit das beste Mittel gegen einen Crash.

Als gefährlicher Unsinn entlarvt ist aber auch der Neidappell mancher Politiker und Gutmenschen etwa aus kirchlichen Kreisen, die sich immer gern über gewaltige Gewinne internationaler Finanzkonzerne empört haben. Heute muss nämlich jeder Sparer froh sein, wenn deren in fetten Jahren angesammelte Gewinne groß genug waren, um auch in Krisenzeiten auszureichen.

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Irgendwie ist es unfassbar: Da gibt es den massiven Verdacht einiger der besten Juristen des Landes, dass in den Entführungsfall Kampusch weitere Täter verwickelt sind; und was machen Staatsanwaltschaft und Justizministerium? Sie lassen die sehr präzisen Fahndungs-Tipps jener Experten Monat um Monat abliegen. Und tun absolut nichts, um den - starken - Verdacht auszuräumen, dass in Österreich nach wie vor Angehörige einer Kinderschänderbande herumlaufen. Völlig unbehelligt.

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