WirtschaftsBlatt-Leitartikel: An der Wall Street wird jetzt alles anders - von Alexis Johann

Finanzinstitute müssen zwischen Pest und Cholera wählen

Wien (OTS) - Genau 1,27 Billionen Euro sind in den vergangenen 52 Wochen vernichtet worden. Das ist die summierte Marktkapitalisierung, die Banken noch vor einem Jahr an den Börsen mehr wert waren. Nicht einberechnet sind Versicherungen, Immobiliengesellschaften und jene "fiktiven" Werte, die Banken in den Büchern stehen hatten und nun uneinbringbar abgeschrieben werden.

Die Kapitalflucht aus dem Finanzsektor ist einzigartig. Am vergangenen Wochenende musste die Wall Street nicht nur das Chapter 11-Verfahren von Lehman Brothers verdauen - mit einer Bilanzsumme von 639 Milliarden Dollar die größte Pleite aller Zeiten, mehr als Worldcom oder Enron zusammen -, sondern auch mitansehen, wie sich Merrill Lynch kopfüber in den Schoß der Bank of America flüchtet und die weltgrößte Versicherung American International Group (AIG) verzweifelt die Notenbank Fed um eine Geldspritze anfleht. US-Regierung, Fed und Großbanken scheinen tatsächlich gewillt, dem schlechten Geld gutes hinterherzuwerfen. Aus der Angst heraus, dass sonst alles verloren geht. Wären die Finanzmärkte ein großer Dampfer im Nordwestatlantik, auf der Überfahrt von South Hampton nach New York, würde man nun Durchsagen vernehmen, die Rettungswesten anzulegen, die Schiffe zu Wasser zu lassen. Doch auf der Brücke weiß man, dass die Boote nicht reichen, die Schwimmwesten nicht tragen, das Wasser zu kalt ist.

Um im Bild zu bleiben: Es gibt Rettung, allerdings müsste die Besatzung des Schiffes das Kommando abgeben. Private Equity- Firmen wie J.C. Flowers & Co oder Firmenverwerter Kohlberg Kravis Roberts & Co scheinen noch genügend Kapital zu haben, um mögliche Sanierungsschritte zu setzen. Sie würden AIG jene Überbrückungsfinanzierung geben, die das Gesundschrumpfen ermöglicht. Für die angeschlagenen Finanzriesen ist es eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera: Wählen sie die Hilfe von Private Equity-Fonds, müssen sie zusehen, wie sie die Kontrolle für einen Pappenstiel verlieren. Verlassen sie sich auf den Staat, werden sie früher oder später der Liquidierung beiwohnen, aber auch langfristig Mitspracherecht bei der Produktgestaltung an den Staat abgeben. Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang, dass das freie Spiel des Finanzmarktes eines unterdrückt: Das Übernehmen von Verantwortung. Das Überspringen der Finanzkrise von Banken auf Versicherungen war spätestens Anfang 2008 klar. Auch das WirtschaftsBlatt berichtete. Weder Politik noch Finanzinstitute haben in der Zwischenzeit etwas gegen den drohenden Untergang unternommen.

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