Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Was uns erspart blieb"

Ausgabe vom 12. September 2008

Wien (OTS) - Das größte physikalische Experiment der Geschichte, die größte Maschine der Welt: Zahlreiche Superlative sind in den letzten Tagen wohl zu Recht bemüht worden, um über den gigantischen Kernforschungsring bei Genf zu berichten, mit dessen Hilfe man erstmals erproben will, was passiert, wenn winzige Elementarteilchen aufeinanderprallen. Eine spannende Sache, ein eindrucksvolles Exempel weltweiter Forschungskooperation.

Nur wenige erinnern sich noch, dass sich vor Jahrzehnten auch Wien um den Standort der Anlage bemüht hat. Freilich lässt einen die Vorstellung schaudern, was los wäre, wenn sie wirklich nach Österreich gekommen wäre. Garantiert würde das Land heute verbal in Flammen stehen. Löst doch hierzulande schon allein jedes Wort Massenpsychosen aus, das die Silben "Atom-", "Gen-" oder "Hormon-" enthält. Die Panik-Erzeugungs-Maschinen "Krone", "Österreich" und "Heute" würden unter Heranziehung skurrilster Professoren und unseriöser NGOs das ganze Land auf dramatische Weise in Schwarzen Löchern verschwinden lassen; eine wie immer ängstliche Bundesregierung würde daraufhin im letzten Moment alle Experimente verbieten; und Österreich stünde weltweit blamiert da.

Was für ein Glück, dass wir damals Pech gehabt haben.

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Apropos ungustiöse Massenblätter: Dort fand sich in den letzten Tagen ein neuer Gipfel an entwürdigender Geschmacklosigkeit. "Österreich" berichtete nämlich mit Wort, Bild und Namen ausführlich über die pubertären Probleme, die eine 17-jährige Politikertochter in Schule und Privatleben hat. Konkurrenten haben dies daraufhin ebenfalls getan - nicht ohne zuvor nach bekannter Art scheinheilig die "Österreich"-Berichte zu kritisieren. Was auch immer an diesen stimmen mag: Der zusätzliche Schaden, der dem anscheinend durch schlechte Freundschaften geplagten Mädchen damit angetan wird, ist gewaltig.

Vielleicht könnte der einflussreiche Auftraggeber der vielen ÖBB-und Asfinag-Inserate in jenen Blättern einmal nicht bloß zu eigenen Gunsten intervenieren, sondern auch zugunsten eines zweifellos schwer leidenden Parteifreundes. Damit es in diesem Lande, übers Plakat-Lächeln hinaus, auch noch echte Zeichen von Humanität gibt.

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