"KURIER"-Kommentar von Christoph Kotanko: "Molterer-ÖVP: Kampf oder Koma"

Der schwarze Kandidat muss viele erst überzeugen - vor allem seine Leute.

Wien (OTS) - Das Ziel war klar: "Noch einmal ordentlich durchstarten" wollte die Volkspartei beim Wahlkampfauftakt am Freitag in Graz. Die Eröffnungsrede hielt einer der wenigen ÖVP-Politiker mit Perspektiven, der 45-jährige Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl; den Schlussappell machte Spitzenkandidat Molterer.
Das Glaubensbekenntnis der versammelten Christdemokraten: Es ist möglich, Erster zu werden.
Man kann verstehen, dass sich die ÖVP Mut macht. In den Umfragen führt die SPÖ, die Werner Faymann als Sozialhelfer klug positioniert hat. Auch wenn seine Plakate bespöttelt werden ("George Clooney für Arme"): Für ihn stimmt die Richtung. Nicht nur die SPÖ ist erstarkt. Die politischen Radaubrüder Strache und Haider machen der ÖVP zu schaffen ( FPÖ und BZÖ könnten zusammengerechnet die meisten Stimmen bekommen). Um bürgerlich-liberale Wähler werben die Grünen und Heide Schmidt. Da ist leicht auszurechnen, wie eng es für Molterer werden kann.
Dazu kommt sein innerparteiliches Problem. Bisher stand die ÖVP nicht hundertprozentig zum Kanzlerkandidaten. Dies aus mehreren Gründen: Im Parteivorstand waren viele verbittert, weil sie von Molterers Koalitionsbruch überrumpelt wurden ("Es reicht!", verkündete er am 7. Juli, erst am Tag darauf ließ er im Vorstand seine Entscheidung legitimieren); dieser Alleingang war, wie manche Vorständler meinen, kein Zeichen von Stärke, sondern von Schwäche - Molterer hätte eine Personaldebatte fürchten müssen. Außerdem war das Vertrauen in sein Wahlkampfteam gering; er habe zu wenige erstklassige Berater, hieß es in der ÖVP. Beleg waren die krassen Organisationsfehler vor der TV-Debatte gegen Haider; an diesem Tag wurde Molterer von seinen Leuten mit Terminen zugeschüttet, er kam ausgelaugt und unkonzentriert ins ORF-Studio. Der Grazer Auftritt sollte das schwelende Unbehagen stoppen. Kampf statt Koma war die Parole.
Einiges war zuvor geschehen. Parteiinterne Kritiker hatte man zu besänftigen versucht, ehemalige erfolgreiche Wahlkampfberater reaktiviert, ein paar Rollen neu verteilt. Eine Schlüsselfigur soll Schüssel sein. Als Klubchef ist er ein Regisseur für die Sondersitzung, bei der Faymann sein Wahlkampfprojekt ("Fünf Punkte") durchbringen kann. Oder eben nicht, je nachdem, wie Schüssel die anderen Klubobleute einstimmt.
Doch am Schluss werden alle Finten vergessen sein. Im Finale geht es nur mehr darum, wer der bessere Kanzler wäre - Faymann oder Molterer? Derzeit hat der SPÖ-Chef die Nase vorn. Molterer muss sich stark steigern, um als Sieger ins Ziel zu kommen.

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