"Die Presse" Leitartikel: "Von der Showtime zum Showdown" (von Eva Male)

Ausgabe vom 1.9.2008

Wien (OTS) - Nach den Parteitagen geht es in die heiße Endphase
des US-Wahlkampfs. Endlich ist auf Substanz zu hoffen.

Kaum hatte der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama mit seiner brillanten Rede Amerika gebannt - und dabei alle bisherigen TV-Einschaltrekorde gebrochen -, ist es seinem republikanischen Herausforderer McCain auch schon gelungen, Obamas Führungstreffer auszugleichen: Noch bevor der Parteitag der Demokraten in Denver zu Ende war, zauberte McCain mit Sarah Palin eine stramm konservative Frau als "running mate" aus dem Hut und zog mit diesem Paukenschlag prompt alle Aufmerksamkeit auf die Seite seiner Partei.
Die perfekte Inszenierung. Nach dem medienwirksamen Auftritt der Demokraten betreten diese Woche die Republikaner die Bühne - es sei denn, Hurrikan Gustav beherrscht die Nachrichten. Falls es allzu stürmisch werden sollte, wird sogar überlegt, die Convention, die am Montag in St. Paul, Minnesota, starten soll, zu unterbrechen. Denn an einem ist beiden Kandidaten massiv gelegen: sich von der mangelnden Prävention und zögerlichen Reaktion der Bush-Regierung auf den Hurrikan Katrina vor drei Jahren klar zu distanzieren.
Wenn das Land ernsthaft bedroht sei, dürfe man nicht gleichzeitig auf einem Parteitag "feiern", mahnte McCain bereits am Wochenende. Und genau darum handelt es sich bei den großen Conventions der Parteien vor den Wahlen: um tagelange Partys, mit Konfetti, Luftballons und Feuerwerk. Viele Rede, wenig Substanz. Während es früher noch Grundsatzdebatten über politische Fragen und die einzuschlagende Richtung gab, ist es heute vor allem eine riesige Show.
Der Kandidat, der auf dem Parteitag offiziell nominiert wird, steht längst fest. Hauptzweck der Veranstaltung ist es, die Wähler und Wahlkampfteams so richtig anzufeuern. Das belegen schon allein die diffusen Tagesthemen der demokratischen Convention: eine Nation; die Erneuerung der amerikanischen Verheißung; Amerikas Zukunft sichern; Wandel, an den wir glauben können. Da geht es mehr um Glauben und Hoffen, mehr um Emotion als um Inhalte. In der Tat hat der charismatische Obama etwas von einem Prediger, auch seine Bücher lesen sich wie religiöse Texte.
Nach Obama wird sich diese Woche McCain an die Nation wenden. Der gesamte, endlos lange US-Wahlkampf läuft nach einem fixen Drehbuch ab, welches das Interesse der Wähler wachhalten soll. Da sind zuerst ab Beginn des Wahljahres die Caucuses und Vorwahlen mit anschließender Kaffeesudleserei, bis sich der jeweilige Kandidat herauskristallisiert. Dann folgt die mit Spannung erwartete Wahl des "running mate", die hohe Wellen schlägt, und dann völlig in den Hintergrund rückt. Dazu mische man auf den Parteitagen im Sommer eine kräftige Prise Pomp und Glamour, bis dann im Herbst die heiße Phase des Wahlkampfs beginnt.
Die vier Protagonisten stehen nun endgültig fest - auf zum Showdown! Mehr als sonst haben diesmal die Kandidaten "running mates" gewählt, die das haben, was ihnen selbst fehlt. Wobei McCain den Bogen weiter gespannt hat und mit der Wahl Palins einen genialen Coup gelandet haben dürfte. Sie ist reformorientiert, sichert ihm aber zugleich die religiös-konservative Basis. Bereits am ersten Tag, nachdem Palin der Öffentlichkeit vorgestellt worden war, flossen sieben Millionen Dollar auf das Spendenkonto McCains.
Und schon schielen enttäuschte Clinton-Anhänger in Richtung des republikanischen Duos. Wenn schon keine Frau als Nummer eins im Weißen Haus, dann wenigstens als Nummer zwei - egal aus welcher Partei? Selbst Clinton gratulierte Palin, und Obama wünschte ihr Glück - "aber nicht zu viel".

Kein politischer Experte getraut sich derzeit, eine Prognose abzugeben, wie dieses Rennen ausgehen wird. Die Unzufriedenheit der Amerikaner mit der Bush-Regierung ist zweifellos groß, aber der Wunsch nach dem Sieg eines Demokraten diesseits des Atlantik viel klarer ausgeprägt als in den USA selbst. In Europa hat man schon vor vier Jahren nicht verstanden, warum Bush wiedergewählt wurde, aber in den USA ticken die politischen Uhren eben anders. Trotz Obamas Charismas darf die Zugkraft McCains ebenso wenig unterschätzt werden wie die durchaus realistische Möglichkeit, dass die USA eben doch noch nicht reif sind für einen Schwarzen im Präsidentenamt.
Vor uns liegt ein spannender Showdown zwischen einem Duo aus dem östlichen und einem aus dem westlichen Teil des Landes. Jetzt geht es ans Eingemachte: Der Kampf um entscheidende Swingstates und Wählergruppen ist eröffnet.

Rückfragen & Kontakt:

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001