"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Ruf und Echo" (Von IRENE HEISZ)

Religiöse Gefühle sind nicht verhandelbar. Kunst-Freiheit ist es auch nicht.

Innsbruck (OTS) - Die monatelange, erbitterte Diskussion darüber, ob der "gekreuzigte Frosch" den Boznern zuzumuten ist, hat gestern einen - vermutlich letzten - Höhepunkt erreicht: Der Papst persönlich, sagt der Landespolitiker Franz Pahl, habe sich ihm gegenüber
in einem Brief gegen das Kunstwerk ausgesprochen. Öffentlich wurde zwar nur der Halbsatz, das Werk habe "die religiösen Gefühle vieler Menschen verletzt". Eine Interpretation der gesamten Epistel ist also unmöglich. Allein dass sich der Papst geäußert hat (so er denn hat), beweist aber: Die leidige Angelegenheit rührt an einen Grundkonflikt unserer Gesellschaft.

Provokation und Tabubrüche sind zwingende Elemente zeitgenössischer Kunst (und zwar jeder Epoche). Provokation ist aber nur sinnvoll, wenn jemand sich provozieren lässt. Und jede Diskussion um Blasphemie hat einen doppelten Boden: Auch in zahllosen Südtiroler Stuben steht unter dem Gekreuzigten im Herrgottswinkel der Fernseher, in dem rechtschaffene Bürger Filmchen anschauen, die mit dem "caritas"-Begriff der Kirche kaum zu vereinbaren sind.

Martin Kippenbergers Kunstwerk "Zuerst die Füße" entstand 1990. In Bozen funktioniert die Provokation 2008 wie zuvor in jeder katholischen Kernregion, deren Kunstvermittler politische Sonntagsreden über Weltoffenheit dem Realitätstest unterziehen wollten. Den Museion-Verantwortlichen ist vorzuwerfen, dass sie sich durch bloß halbherzige Verteidigungsmanöver in eine Defensive drängen ließen, aus der sie gestern mit ihrer Weigerung, das Kunstwerk zu entfernen, erst in letzter Sekunde wieder herausgekommen sind.

Religiöse Gefühle sind nicht verhandelbar - aber die Freiheit der Kunst ist es auch nicht. Wenn konträre Standpunkte nicht zu vereinen sind, müssen sie eben nebeneinander stehen bleiben. In einer pluralistischen Gesellschaft darf das eine nicht weniger wert sein als das andere, und die Politik hat sich tunlichst jeglicher Zensur zu enthalten.

Denn der Weg von einer kontroversen Debatte zu einer buchstäblich mörderischen Hetze, wie sie sich im Zusammenhang mit den so genannten Mohammed-Karikaturen abgespielt hat, ist kurz. Vor allem in den Köpfen von Fundamentalisten jeder Prägung.

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