"Die Presse" Leitartikel: "Wetten, dass Flimms Vertrag verlängert wird?" (von Barbara Petsch)

Ausgabe vom 29.8.2008

Wien (OTS) - Die Salzburger Festspiele bargen heuer viele Peinlichkeiten. Die Zukunft ist dennoch vorgezeichnet.

Prächtig schaut sie wieder aus - die offizielle Bilanz der Salzburger Festspiele, die am Donnerstag präsentiert wurde: 93 Prozent Auslastung! Die Einnahmen sind die zweithöchsten in der Festspielgeschichte. Und erst die Umwegrentabilität: Der von Arbeitslosigkeit und Teuerung bedrohte Durchschnittsbürger wird blass, wenn er liest, wie Festspielbesucher 300 Euro pro Tag ausgeben - ferner 600 Euro für die Karten. Die Preise sind aber auch imposant:
zehn Euro für ein Achterl Wein, zwölf Euro für ein Schnitzel. Selbst kostengünstige Kettenbetriebe - die meisten von ihnen sind mittlerweile in Salzburg vertreten, ob Textilien, Steaks oder Fisch -erhöhen zur Festspielzeit diskret die Preise.
Trotz astronomischer Gewinne begleiten Klagegesänge alljährlich das Festival. Das öffentliche Budget wurde seit Jahren nicht valorisiert. Das "Anfüttern", sprich die Einladung profitabler Geschäftspartner nach Salzburg, wurde unter dem Eindruck internationaler Korruptionsskandale drastisch eingeschränkt. Das könnte bedeuten, dass die für ihre Festspielkarten zahlenden Sponsoren künftig nicht nur aufs Spenden verzichten, sondern auch die teuersten Tickets liegen bleiben. Ein Horror.
Was ist mit der Hauptsache, der Kunst? Da gab es heuer manche Peinlichkeit: Die Operninszenierungen litten unter einem Missverhältnis von Eigenwilligkeit ("Don Giovanni") und Fadesse ("Romeo und Julia"). Dass ein Flop, nämlich "Otello" (mit Riccardo Muti!), nicht verhehlt wird, gibt zu denken. Die Rechnung für Misserfolge präsentieren speziell Bezieher von Karten zu Rekordpreisen oft erst im nächsten Jahr. Rache ist süß. Dass es neuerdings für viele Veranstaltungen in letzter Minute noch relativ viele Tickets gibt, berichten Besucher und Beobachter. Beim Konzertprogramm des als sophisticated viel gelobten Markus Hinterhäuser blieben viele Plätze frei - und sogar beim Gastspiel von Hollywood-Star Vanessa Redgrave. Das Literaturprogramm schlief nobel im elfenbeinernen Turm. Das Young Directors Project für junge Regisseure war so schwach wie nie. Das Schauspiel hatte einige Attraktionen, ist aber weiter nur die Try-Out-Plattform fürs Herbstprogramm der deutschen Theater.
Dass sich Regisseurin Andrea Breth und Autor Dimitré Dinev nicht frühzeitig über ihre offenbar diametralen Gegensätze bezüglich der Bearbeitung von Dostojewskis Roman "Schuld und Sühne" austauschen konnten, sondern zwei szenische Fassungen hergestellt und wohl auch bezahlt wurden, wird nie jemand verstehen. Die größte Tat der heurigen Festspiele war, den kommenden Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper, Franz Welser-Möst, ausführlich vorzustellen. Dieser geschmeidige Herr brillierte nicht nur musikalisch, sondern profilierte sich auch als witziger Gesprächspartner. So meinte er z. B., dass sich die Wiener Staatsoper von alleine führe und Karajans Thron mit diesem ins Grab gesunken sei. Man lauschte mit Andacht. s-3;0Bis Herbst 2009 müsste der bis 2011 laufende Vertrag des Festspiel-Intendanten Jürgen Flimm verlängert werden. Das wird geschehen. Warum, nach diesem doch eher flauen Festival? Weil es an Alternativen fehlt - viele Opernhäuser wurden oder werden gerade neu besetzt. Der ein wenig müde wirkende, aber erfahrene langjährige Direktor des Hamburger Thalia Theaters, als Schauspielregisseur mitunter sehr, als Operninterpret nur gelegentlich erfolgreich, weiß, wie man dieses Festival mit Würde administriert. 2011 wird Flimm 70 Jahre alt. Bis dahin ist das Programm fixiert. Zwei Jahre wird man ihm vermutlich noch geben. In der langen Zeit bis dahin sollten die Kulturpolitiker sorgfältig nach einem vitalen, findigen Nachfolger suchen, der erneuert, ohne zu zerstören. Das tun sie verantwortungsloserweise viel zu selten.

Da könnte Finanzminister und Vizekanzler Wilhelm Molterer, der sich dieser Tage als Kunstkanzler ins Gespräch brachte, sofern die ÖVP die Wahl gewinnt, einmal wirklich punkten. Die Politik betrachtet die Festspiele als Selbstläufer. Das sind sie keineswegs. Sie brauchen Expertise, Fortüne, Fingerspitzengefühl und auch Geld. Die Konkurrenz schläft nicht, weder bei den Festivals noch bei den Musik-Programmmachern. Gute Leute muss man sich frühzeitig sichern. Kulturpolitik braucht weder Minister noch Staatssekretäre noch Kanzler, wie die Struktur ist, ist egal. Ideen sind gefragt - und Geld. Man kann die großen Veranstalter, die das Kulturland Österreich ausmachen, nicht ewig finanziell kurzhalten. In Wahrheit ist also recht viel zu tun, damit die feinen Leute auch morgen noch in Salzburg und Wien ihren Champagner trinken und ihre Schnitzel essen.

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