Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Das Tollhaus tanzt"

Ausgabe vom 28. August 2008

Wien (OTS) - Täglich wird Österreich mehr zu einem Tollhaus, das jeden Bezug zur Realität verliert. Die ORF-Debatte der potenziellen Partner Rot und Grün etwa glich einer Lizitations-Show "Wer bietet mehr?" Nur kurz durfte man an ein Comeback der Vernunft glauben, als der Chef der Grünen eine Mehrwertsteuersenkung einen Unsinn nannte, schon gab auch er das (imaginäre) Geld wieder aus, etwa für die zu seiner Zielgruppe avancierten Kindergärtner.

Während noch der Streit tobt, ob das rote Forderungspaket vom Montag 1,3 oder 1,9 Milliarden Euro kostet, verspricht bereits tags darauf der SPÖ-Chef weitere Milliarden für die Schulen. Andere Genossen wieder fordern mehr Geld für die Bahn.

Toll geht es aber auch bei den außer Rand und Band geratenen Boulevard-Medien zu. Die "Krone" bejubelt Faymanns Duell-Auftritt schon in der lange davor verkauften Abendausgabe. "Österreich" erklärt den SPÖ-Obmann zum Sieger - und darf sich in derselben Ausgabe über vier Seiten Anzeigen des Faymann-Vereins ÖBB freuen. Der ORF verschweigt, dass all die verschleuderten Milliarden zur Gänze auf Pump gehen, weil Österreich nicht einmal in der auslaufenden Hochkonjunktur ohne eine ständige Neuverschuldung auskommt. Bei so viel Massen-medialer Unterstützung hat es Faymann nicht einmal mehr notwendig, Debatteneinladungen ins Privat-TV anzunehmen.

Niemand erwähnt, dass die Hälfte der zusätzlichen Gelder für den Konsum ins Ausland geht (als Folge der Ölpreise, der Machinationen der deutschen Handelsriesen und der hohen Importquote), dass aber die Schulden zur Gänze im Inland zu zahlen sein werden. Niemand erwähnt, dass die Deutschen (auf SPD-Vorschlag!) das Pensionsalter auf 67 erhöhen, während Faymann&Co den teuren Weg in die Frühpension ausbetonieren.

Und die ÖVP? Dort beginnen schon die ersten internen Stänkereien ob der rasch sinkenden Umfragezahlen. Und niemand weiß, ob die Partei beim absurden Wettlauf in Sachen Sozial-Lizitation weiter mitmachen wird (den eine bürgerliche Partei gegen die rot-blau-orange-grünen Forderungsweltmeister ja nie gewinnen kann) oder ob sie im letzten Moment doch noch zur wirtschaftlichen Vernunft und damit Glaubwürdigkeit zurückkehrt.

Tollhäuser mögen manchen toll erscheinen, doch sie hausen rasch und teuer ab.

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