"KURIER"-Kommentar von Andreas Schwarz: "Das fröhliche Minister-Aufzeigen"

Warum nur wollen fast alle nach dem Scheitern der Koalition im Amt bleiben?

Wien (OTS) - Auch wenn am Sonntag in vier Monaten Weihnachten ist und im Handel die ersten Lichterketten und Lebkuchen auftauchen, ist es für Wünsche ans Christkind noch ein bisschen früh.
Dennoch ist bei den Mitgliedern der Großen Koalition das große Wunschkonzert ausgebrochen: Als Minister, sagen rote und schwarze Amtsträger in trautem Gleichklang, stünden sie schon wieder zur Verfügung.
Andrea Kdolsky sagt’s, obwohl die ÖVP auf ihr kniet, das der Partei doch zu ersparen (warnendes Beispiel: Elisabeth Gehrer, die vor der letzten Wahl zwar gehen wollte, von Wolfgang Schüssel aber gehalten wurde und der ÖVP half, die Wahl zu verlieren).
Erwin Buchinger sagt’s, obwohl seine Bilanz als Sozialminister eine dürftige ist - ins Parlament will er nicht, aber Minister, das kann er sich vorstellen.
Gio Hahn sagt’s, weil er als Minister für die Wiener Wahl einen Popularitätsvorteil hätte - aber immerhin würde er auch als Abgeordneter arbeiten wollen.
Martin Bartenstein sagt’s, weil dienstältester Minister ist man nicht alle Tage - nur unter Faymann will er nicht.
Alfred Gusenbauer sagt’s nicht, aber sein Hinweis, dass die Innenpolitik für ihn abgehakt sei, darf umgekehrt als Hinweis verstanden werden, dass ihn der Job des Außenministers schon reizen könnte.
Christa Kranzl sagt’s auch nicht, aber dass die Staatssekretärin ihren beleidigten Abgang schon bedauert, ist ein offenes Geheimnis. Die Liste ließe sich fortsetzen. Und wirft die Frage auf: Wenn sie alle a) so gerne dem Staatswohl ministrieren und sich b) dazu als Idealbesetzung in der Lage sehen, warum haben sie dann die vergangenen eineinhalb Jahre nicht zu konstruktiver Regierungspolitik genutzt?
Lag’s wirklich nur daran, dass ein fehlbesetzter Kanzler und sein obstruktiver Vize vernünftige Politik nicht zuließen? Waren sie zu schwach, um das Unvermögen oder das Nicht-Mögen ihrer Parteichefs wettzumachen? Sind sie brav mitgedackelt und hoffen halt, dass das nächste Mal alles anders wird?
Und jetzt: Lockt sie nur das Minister-Gehalt, oder ist’s die Überzeugung, dass sie es besser könnten?
Gewiss: Der eine oder andere Minister ist vielleicht unter seinem Wert geschlagen worden. Und"neue Gesichter", wie sie die Einfalt des Boulevards Tag für Tag als einzige Rettung für die Politik fordert, sind ein eher sehr schlicht getrommeltes Rezept. Aber sollte die Wahl ein paar von jenen Ministern, die jetzt schon um einen Job aufzeigen, wieder in eine Regierung spülen, so wird man sich auch als Wähler etwas wünschen dürfen: Dass die Brust breiter wird, dass der Widerstand gegen Parteitaktik wenigstens bei den Fachministern größer wird, dass nach dem Debakel der vergangenen eineinhalb Jahre Sacharbeit im Vordergrund steht.
Und dass das alles nicht bloß ein unerfüllbarer Wunsch ans Christkind ist.

Rückfragen & Kontakt:

KURIER
Innenpolitik
Tel.: (01) 52 100/2649
innenpolitik@kurier.at
www.kurier.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKU0001