Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch: Nationaler Pflegenotstand?

Ausgabe vom 19. August 2008

Wien (OTS) - Die Pflegebedürftigkeit vieler betagter Menschen ist für die Betroffenen schlimm. Sie verlangt vor allem den Angehörigen große Opfer ab. Bedeutet sie aber auch einen nationalen Notstand? Seit dem letzten Wahlkampf, als SPÖ und ORF einen solchen Notstand ausgerufen haben, ist diese Überzeugung mehrheitsfähig - ohne dass sich in der wirklichen Welt etwas geändert hätte. Der ORF hat sich längst anderen Kampagnen zugewandt; die SPÖ hingegen kommt und kommt nicht weg von dem Thema. Ihr geht es wie dem Zauberlehrling, der den Besen nicht loswird.

Längst ist die Verwirrung um alle möglichen Pflegereformen und einschlägigen Vorschläge so groß, dass sich ohnedies kein Bürger mehr auskennt. Es bleibt lediglich die Überzeugung: "Der Buchinger hat es nicht geschafft." Dabei kann er es gar nicht schaffen. Denn der übermächtige Zauberlehrling ist das von SPÖ und Medien plötzlich geweckte Anspruchsdenken, das in dem Satz zusammengefasst werden kann: Jeder Österreicher hat bei Pflegebedürftigkeit den Anspruch, in seinen eigenen vier Wänden auf Kosten der Allgemeinheit auch rund um die Uhr betreut zu werden. Das wäre zwar schön, das ist aber absolut unfinanzierbar. Erstens wächst die Zahl der Pflegebedürftigen rapid; zweitens sind die goldenen Jahre, da man sich um relativ geringe Beträge brave Pflegerinnen aus der Slowakei oder Polen importieren konnte, angesichts des dort rasch wachsenden Wohlstandes so gut wie vorbei.

Alle wissen das, aber kein Politiker mehr wagt das seit jenem bösen Gusenbauer-Kalina-Wahlkampf den Menschen zu sagen. Statt dessen soll künftig nicht einmal mehr geprüft werden, ob nicht der Pflegebedürftige selbst Vermögen hat, um sich die Pflege zu leisten. Wobei es die besonders skurrile Variante gibt, dass für jene, die doch in einem öffentlichen Heim gepflegt werden, sehr wohl eine sogenannte Vermögensgrenze gelten soll; dann müssten also jene ihr Spargeld hergeben, die auf die billigere und oft noch unangenehmere Art gepflegt werden . . .

In Wahrheit ist die Einziehung eines Eigenbeitrags durchaus gerecht. Denn es ist absolut absurd, dass die verschuldeten Staatskassen immer noch mehr Lebensrisken abdecken sollen, während das, was wir verdienen oder verdient haben, offenbar nur noch für Essen, Urlaube, Auto - und die Erbschaft der lieben Enkel da ist. Die noch gar nicht begreifen, dass ihnen das alles samt Zinsen und Zinseszinsen einmal schwer auf den Kopf fallen wird.

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