"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Tankstelle des Geistes" (Von Irene Heisz)

Ausgabe vom 18. August 2008 - Beim Europäischen Forum Alpbach geht es darum, sich in der Kunst des präzisen Denkens zu üben.

Innsbruck (OTS) - Das bringt das Europäische Forum Alpbach? -Nichts. Das heißt, (abgesehen von hunderten Übernachtungen) nichts, was unter rein ökonomischen Gesichtspunkten unmittelbar als Produkt, als verwertbares Ergebnis gelten könnte. Falls in Alpbach Geschäfte angebahnt und Verträge ausgehandelt werden, dann sind das Nebeneffekte der eigentlichen Aufgabe, die das Forum erfüllt: Jahr für Jahr Kapazitäten aus allen (wissenschaftlichen) Disziplinen zu versammeln, die sich abseits ihres jeweiligen Arbeitsalltags in der Kunst des präzisen Denkens üben und sich - noch wichtiger - über ihre Gedanken austauschen: in der konzentrierten Arbeitsatmosphäre von Seminarräumen und Vortragssälen ebenso wie in entspannter Stimmung am Wirtshaustisch, wo Krawatten gelockert und Kostümblazer über Stuhllehnen gehängt werden. Alpbach fungiert als Tankstelle, an der Superbenzin fürs Gehirn ausgegeben wird - immer noch und immer wieder. Gegründet wurde das Europäische Forum 1945, im Morgengrauen nach einer nicht enden wollenden Nacht voll der entsetzlichsten Albträume. Ein paar gescheite Menschen begannen, Perspektiven für einen neuen Tag zu entwickeln. An der Brisanz und existenziellen Notwendigkeit dieses Versuchs hat sich auch unter den heutigen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Vorzeichen nicht das Geringste geändert. Denn über Gott und die Welt nachzudenken, zu diskutieren und gegebenenfalls auch zu streiten, ist zwar zunächst zweckfrei, aber jene Fähigkeit, die den Menschen zukunftsfähig macht. Was bringt Alpbach? Nichts, worauf zu verzichten wir uns leisten könnten.

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