Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Gratis - Eine Illusion"

Ausgabe vom 14. August 2008

Wien (OTS) - Kindergarten ab fünf für alle gratis. Und zwar als Pflicht. Darauf hat man sich im Zuge des altkoalitionären Honeymoons geeinigt. Und die ganze Nation jubelt. Gäbe es wenigstens einen Hauch liberalen Denkens in diesem Land, dann gäbe es wenigstens einen Hauch einer Diskussion - sowohl über das Wort Pflicht wie auch über die Illusion, dass es irgendetwas "gratis" geben könnte. Aber die, die sich als liberal ausgeben (vom LIF bis zur Wiener ÖVP), sind in Wahrheit Staatsinterventionisten nach sozialdemokratischer Art.

Aber auch viele Medien machen es sich einfach. Zum Beispiel das Lösungsmodell des "Kurier": "Das alles kostet Geld. Aber Kinder sind es wert." Eine Formel, in der man statt "Kinder" jedes beliebige Wort einsetzen kann (Alte, Kranke, Universitäten, Frauen, Lehrlinge, Schulen, Gesundheit, Sicherheit, Bauern, ...). Dann weiß man, wo die Staatsverschuldung herkommt. Es ist schlicht unseriös, ein neues Gratis-Angebot anzukündigen, wenn gleichzeitig die Konjunktur lahmt, wenn der Staat davor auch in der Hochkonjunktur Defizite gemacht hat, wenn seit drei Jahren keine Sanierungsmaßnahme mehr realisiert wurde. Und wenn kein Vorschlag präsentiert wird, woher das Geld kommen soll.

Freiheitsliebende Menschen (gibt's die noch?) schmerzt aber auch jede neue Pflicht. Gibt es nicht für Schüler die Möglichkeit eines Hausunterrichts? Wächst nicht in anderen Ländern die Bewegung des Home-schooling? Was ist mit jenen, die einen sehr weiten Weg haben? Müssen die auch schon mit fünf alleine Bus fahren?

Freilich darf man auch nicht ignorieren, warum der Druck Richtung Kindergartenpflicht gewachsen ist, warum diese wohl unvermeidlich ist: Es kümmern sich nämlich immer weniger Zuwanderer darum, dass ihre Kinder von Anfang an Deutsch lernen. Sie lassen diese lieber unter der Obhut der direkt aus Anatolien importierten Mütter und des türkischen Satellitenfernsehens in einer totalen Kulturinsel aufwachsen. Auch die Islamische Glaubensgemeinschaft tut da (natürlich) nichts dagegen.

Dabei haben in Wien schon mehr als vier von zehn der jetzigen Kindergartenkinder einen anderen sprachlichen Hintergrund als Deutsch. Die Ursachen: eine sehr großzügige Familienzusammenführungspolitik oder die (etwa beim UNHCR gehegte) Einstellung, dass jeder abgewiesene Asylwerber dann halt einfach ein Einwanderer ist...

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