"KURIER"-Kommentar von Andreas Schwarz: "Politik und Fairness - lacht da wer?"

Der Wähler kann Anstand oder nicht schon beurteilen, auch ohne Abkommen.

Wien (OTS) - Dass früher alles anders war - implizit meint das:
besser - ist eine unausrottbare Mär. Sie stimmt schon im normalen Leben nur selten.
Für die Politik bzw. die politische Fairness passt die Vergangenheitsverklärung schon gar nicht.
Auch Parteiobmänner, Klubobleute, Sekretäre und andere Subalterne früherer Politikergenerationen haben einander kräftig eingeschenkt. Von Rentenklau-Plakaten bis zum Wühlen in der Waldheim-Vergangenheit, von Anpöbelungen bis zu Rufschädigungen war stets alles dabei, was das Wählerherz zwar nicht begehrt, was Politiker aber für unvermeidlich halten, wenn’s um den eigenen parteipolitischen Vorteil geht.
Einziger Unterschied: Politiker früherer Generationen haben den Wähler nicht für ganz dumm verkaufen wollen. Sprich: Sie haben ihm nicht weiszumachen versucht, dass Politik in Wahlzeiten ein Mädchenpensionat ist, das als Hausordnung ein Fairness-Abkommen braucht.
Denn das ist, als hätten sich Niki Lauda und Freunde dazumals einem Langsamfahr-Abkommen unterworfen oder Reinhold Messner und Kameraden den Kahlenberg zur Ultima Ratio ihrer Profession erkoren. Dass die in Schlamm-Dingen sehr versierte FPÖ einst die Idee eines Fairness-Abkommens lancierte und gestern eine solche Vereinbarung platzen ließ, weil sie selbst beurteilen könne, was fair ist und was nicht, ist vielleicht drollig, aber auch weiter ohne Bedeutung.
Denn politischer Wettkampf ist eben nicht nur das Werben um das eigene Programm, sondern auch die Meisterschaft, den anderen schlecht aussehen zu lassen.
Daran ändert auch die faserschmeichlerische "Genug-gestritten"-Kampagne der SPÖ nichts. Sie trifft vielleicht einen Volksnerv, aber an der "Molterer-ÖVP" wird man sich schon noch genug reiben. Und daran ändern auch die Beteuerungen der ÖVP nichts, nur ans Staatswohl zu denken, wenn man dort die letzte Zeit nur ans Abschmieren des Koalitionspartners gedacht hat.
Auch die Inhalte eines Wahlkampfes über fair oder nicht-fair definieren zu wollen, ist absurd. Darf zum Beispiel über Integration diskutiert werden, oder ist das per se schon politisch unkorrekt? Wo beginnt die Unappetitlichkeit? Und was, wenn eine solche festgestellt wird - ein Verweis oder eine Parteistrafe ans Salzamt?
Sind die Negativ-Slogans der Grünen schon unfair? Oder ist es das BZÖ, das sie "zum Speiben" findet? Wie lässt sich die Zulässigkeit von Slogans objektiv bewerten? Was haben die eingesetzten finanziellen Mittel mit Fairness zu tun? Und gibt es etwas Absurderes, als den erhobenen Zeigefinger einer Kommission? Vernaderung, Fälschungen, unlautere Mittel entlarven sich meistens ganz von selbst. Untergriffe und Schläge unter die Gürtellinie sind meistens gut erkennbar. Und Wahlversprechen fallen sowieso unter kein Abkommen.
Die Krokodilstränen, dass es keine Fairness-Vereinbarung gibt, können sich die Parteien sparen. Es braucht keine. Denn mit wie viel Anstand die Wahlkämpfer sich dem Wähler präsentieren, bewertet ohnehin dieser.

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