Schönborn-Appell für fairen Wahlkampf

Wiener Erzbischof für "Abrüstung der Worte": "Wie sollen sich junge Menschen für das demokratische Zusammenleben begeistern, wenn Politiker einander beflegeln?"

Klagenfurt-Wien, 13.8.08 (KAP) Kardinal Christoph Schönborn plädiert für einen Wahlkampf ohne "persönliche Angriffe". In einem Interview für die aktuelle Ausgabe der "Kärntner Woche" betonte der Wiener Erzbischof, dass es für ein Urteil über den heurigen Wahlkampf-Stil zwar noch zu früh sei, auf jeden Fall gelte aber die Verpflichtung zur "Abrüstung der Worte". Schließlich müsse man auch nach den Wahlen wieder miteinander reden können, so Schönborn.

Der Kardinal verwies auf die Meinung von Experten, wonach die Wähler "untergriffige Methoden" im Wahlkampf nicht honorieren würden. Eine "Schmerzgrenze" in der politischen Debatte stellten immer "persönliche Angriffe" dar: "Wie sollen vor allem junge Menschen für das demokratische Zusammenleben begeistert werden, wenn Mandatare oder Personen, die ein Mandat anstreben, einander beflegeln?", meinte der Kardinal.

Für eine "Abrüstung der Worte" plädierte Schönborn auch in der Diskussion um Asyl und Zuwanderung. Man müsse die Dinge "genau und nüchtern" betrachten. Beim Asylrecht gehe es um Menschen, die vor politischer oder religiöser Verfolgung Zuflucht in Österreich suchen. "Wenn die Voraussetzungen stimmen, gilt das Asylrecht nach der Genfer Konvention; das ist sakrosankt", sagte der Kardinal.

Andererseits habe Österreich wie jeder Staat das Recht, Zuwanderung zu regeln. Es sei Sache der politischen Verantwortungsträger, in Übereinstimmung mit der Zivilgesellschaft, diese Regelungen zu erarbeiten. "Es genügt, daran zu denken, wer denn die Kranken und Hilflosen in unserem Land pflegen würde, wenn es keine Zuwanderung gäbe", erinnerte der Kardinal in diesem Zusammenhang.

Anlass für das Interview in der Kärntner Wochenzeitung ist die traditionelle Wörthersee-Schiffsprozession, zu der am 15. August -dem Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel - tausende Gläubige aus Österreich und dem Ausland in Kärnten erwartet werden. Kardinal Schönborn wird dabei predigen.

"Die Wiederentdeckung des Wallfahrens und der Prozessionen ist eines der erstaunlichen Signale einer religiösen Neubesinnung", sagte der Wiener Erzbischof zur "Kärntner Woche". Im steigenden Interesse für das Pilgern und Wallfahren sei die "Sehnsucht nach Gott" verborgen. Es gehe dabei auch um menschliche Grunderfahrungen: "Die Wallfahrt ist für die Menschen ein Symbol ihres Lebensweges - mit einem Ausgangspunkt, mit einem Ziel, mit einer Sinnhaftigkeit". Er habe mit Interesse verfolgt, dass der Wallfahrtsbericht des deutschen Komikers Hape Kerkeling ("Ich bin dann mal weg. Meine Reise auf dem Jakobsweg") ein Dauerbrenner auf den Bestsellerlisten geworden sei, sagte der Wiener Erzbischof.

Papstbesuch: Mehr als schöne Erinnerungen

Befragt nach den Auswirkungen des Papstbesuchs in Österreich im vergangenen Jahr betonte Kardinal Schönborn, dass vom Besuch "mehr als eine schöne Erinnerung an die Begegnung mit dem Heiligen Vater und an 'wetterfeste Christen'" geblieben sei. "Die Worte Papst Benedikts XVI., die er in Wien, Mariazell und Heiligenkreuz gefunden hat, sind gutes, kräftiges 'Brot', das Gläubigen und Suchenden Nahrung auf ihrem Pilgerweg sein kann", so der Kardinal. Viele Menschen würden sich seither mit diesen Texten beschäftigen und sie in ihr Alltagsleben "übersetzen".

Im Hinblick auf die Situation der Diözese Gurk sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, dass in Kärnten das Bewusstsein der kirchlichen Kontinuität sehr stark sei, "das tief in die Antike zurückreicht". Die vielen kleinen Pfarren und Gotteshäuser seien für das Land charakteristisch. "Für die Diözese ist die Erhaltung dieser kleinteiligen Struktur sicher eine Last, aber für das Land und seine Menschen ist es ein Reichtum, ein spiritueller Schatz", stellte der Kardinal fest. Schönborn erwähnte das Bildungshaus St. Georgen am Längsee als "eindrucksvolles kulturelles und spirituelles Zentrum". Auch die Pläne für Gurk, "das ja das Herz der Diözese ist", seien vielversprechend.

Die Kärntner Diözesansynode Anfang der siebziger Jahre sei ein großes Vorbild für die Kirche in Österreich gewesen, "weil hier die Katholiken deutscher und slowenischer Sprache eindrucksvoll für Versöhnung eingetreten sind". Schönborn erinnerte in diesem Zusammenhang an den kürzlichen Appell des Gurker Diözesanbischofs Alois Schwarz, dass sich die Christen in Kärnten am Dialog der Sprachgruppen beteiligen und für den Frieden eintreten sollen.

Kardinal Schönborn betonte seine "schönen Erinnerungen" an Kärnten. Die erste Erinnerung sei das Dominikanerkloster in Friesach - das älteste Kloster dieses Ordens im deutschsprachigen Raum -, wo er in den sechziger Jahren als junger Ordensmann auf Ferien sein konnte. Später habe er oft in alter Freundschaft Bischof Egon Kapellari in Kärnten besucht. (ende)
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