Österreichs Wirtschaft zu stark auf traditionelle Dienstleistungsbranchen spezialisiert

Strukturwandel zugunsten wissensintensiver Dienstleitungen unerlässlich - Stärken in Teilbereichen

Wien (OTS) - Der Bestand an Direktinvestitionen von österreichischen Dienstleistungsunternehmen im Ausland stieg von 4% des BIP Mitte der neunziger Jahre auf rund 17% 2005, die Exportquote von 10,5% auf 15% im Jahr 2007. Der Internationalisierungsgrad nimmt damit auch im Dienstleistungssektor kräftig zu, der internationale Vergleich zeigt aber, dass das Potential noch nicht ausgeschöpft ist. Die Produktivität steigt insgesamt zu schwach, und die Spezialisierung auf traditionelle Dienstleistungsbranchen ist noch zu hoch. Die Wirtschaftspolitik muss vor allem bei der Förderung von modernen und wissensintensiven Dienstleistungen ansetzen. Eine WIFO-Studie im Rahmen des "Forschungsschwerpunkts internationale Wirtschaft" (FIW) zeigt hier Stärken in der Rechts , Steuer- und Unternehmensberatung, im Bereich der Architektur- und Ingenieurbüros sowie der Vermietung von Maschinen. Schwächen bestehen in Teilbereichen der Datenverarbeitungs- und Datenbankdienste, den Versicherungsdienstleistungen und den Finanzdienstleistungen.

Der generelle Befund zur Wettbewerbsfähigkeit des österreichischen Dienstleistungssektors weist auf eine mäßige Produktivitätsentwicklung sowie ein Strukturdefizit hin, das nur langsam abgebaut wird. Das Potential für effizienzsteigernde Maßnahmen ist beträchtlich. So trug der Dienstleistungssektor in Österreich in der Periode 1995 bis 2005 nur mit etwa 0,2 Prozentpunkten zum gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsgewinn von +1,6% bei, während in der EU 15 fast die Hälfte der Produktivitätssteigerung auf Dienstleistungen zurückging und in den Niederlanden, Dänemark und Norwegen der Beitrag des Tertiärsektors jenen aller anderen Wirtschaftsbereiche übertraf.

Gleichzeitig ist die Spezialisierung auf Dienstleistungsbranchen mit einem hohen Anteil geringqualifizierter Arbeitskräfte im europäischen Vergleich nach wie vor zu hoch. Dies ist auf die starke Rolle der traditionellen Dienstleistungsbereiche (Tourismus, Transport, Bauwesen und Einzelhandel) zurückzuführen. Nur etwa 38% der Wertschöpfung des österreichischen Dienstleistungssektors entfielen 2004 auf wissensintensive unternehmensnahe Dienstleistungen, im Durchschnitt der europäischen Vergleichsländern lag dieser Anteil bereits bei rund 45%. Er war in den Niederlanden, in Deutschland und Großbritannien mit über 47% am höchsten.

Der Strukturwandel zugunsten moderner Dienstleistungen ist auch für Österreich unerlässlich. Das Marktpotential ist für anspruchsvolle wissensintensive Dienstleistungen deutlich höher als für traditionelle Dienstleistungen, ihre weltweite Entwicklung weitaus dynamischer und ihre Bedeutung geht weit über ihren eigenen Beitrag zu Produktion und Export hinaus. Als wichtige Produzenten neuer Technologien (Computer, Software, Forschung und Entwicklung) oder als Träger und Vermittler von Wissen und Know-how (Schulungen, Beratung) bestimmen sie auch über die Konkurrenzfähigkeit vieler nachgelagerter Industriebereiche und sind wichtige "Schrittmacher" für Warenexporte.

Die Detailanalyse auf Branchenebene zeichnet für diese Sektoren ein differenziertes Bild:

Die Stärken Österreichs liegen vor allem in der Rechts , Steuer-und Unternehmensberatung, den Architektur- und Ingenieurbüros sowie der Vermietung von Maschinen. Diese Dienstleistungsaktivitäten verbinden eine gute Wachstumsperformance und eine hohe Gründungstätigkeit mit einer guten und sich laufend verbessernden Wettbewerbsfähigkeit. Schwächen zeigen sich in der Datenverarbeitung und bei Datenbankdiensten. Zwar entwickelt sich auch diese Branche dynamisch, ihre Bedeutung ist aber im europäischen Vergleich unterdurchschnittlich und das Potential für Wettbewerbsverbesserungen gerade in diesem wichtigen Bereich besonders groß.

Eine gute Wettbewerbsposition ergibt sich auch im Bereich der naturwissenschaftlichen Forschungs- und Entwicklungsdienstleistungen und der Vermietung von Verkehrsmitteln, die sich aber über die Zeit verschlechtert. Auch im Versicherungssektor nimmt die Konkurrenzfähigkeit laufend ab. Für Finanzdienstleistungen zeichnen die Struktur- und Leistungsindikatoren im Vergleich mit anderen EU-Ländern ein unvorteilhaftes Bild. Die Vorrangstellung österreichischer Banken in Ost-Mitteleuropa ist daher eher "First-Mover"-Vorteilen zu verdanken: Österreichische Finanzdienstleister konnten vor der internationalen Konkurrenz Marktkenntnisse erwerben und eine entsprechende Marktstellung aufbauen und damit bisher Nachteile bezüglich anderer Wettbewerbsindikatoren wie Lohstückkosten und Produktivität kompensieren.

Empfehlungen für die Wirtschaftspolitik

Der Fokus wirtschaftspolitischer Maßnahmen muss aus den genannten Gründen auf wissens- und skillintensiven Dienstleistungsbereichen liegen. Allerdings herrscht gerade zwischen Standorten für die zukunftsträchtigen Aktivitäten des Dienstleistungssektors heftiger Wettbewerb. Sehr oft ist eine räumliche Konzentration des Angebotes in einigen großen Dienstleistungszentren zu beobachten (z. B. Finanzzentren in London, New York, Forschung und Entwicklung in Silicon Valley oder Baden-Württemberg). Die Standortvorteile dieser Zentren sind für "Nachzügler" oft uneinholbar und jede Nachahmungsstrategie ungeeignet. Mehr Erfolg versprechen Nischenstrategien sowie die Verstärkung und Förderung der bereits vorhandenen Kompetenzen und Stärken. Gleichzeitig sollten jedoch Aktivitäten, die vergleichsweise schwach ausgebildet und/oder wettbewerbsschwach, für das Wachstum und die Konkurrenzfähigkeit wichtiger Kompetenzfelder jedoch unverzichtbar sind, gefördert werden. Dazu zählen F&E ebenso wie Datenverarbeitungsdienste. Um die Exportorientierung und Internationalisierung weiter voranzutreiben und die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, scheinen folgende Maßnahmen für Dienstleister von besonderer Bedeutung:

  • Förderung aktiver Direktinvestitionen forcieren, da eine Auslandsniederlassung den Export von Dienstleistungen oft erst ermöglicht,
  • Öffentliche Bereitstellung von Informations- und Beratungshilfen zur Unterstützung bei der Entwicklung von Nischenstrategien, Aufbereitung und Verbreitung von Vorerfahrungen und "Best-Practices",
  • Veränderung der rechtlichen Rahmenbedingungen, die restriktive Kompetenzabgrenzungen insbesondere der freien Berufe bedeuten und oft zum Nachteil der kleinen heimischen Betriebe die Bildung international konkurrenzfähiger multidisziplinärer Planungsbüros verhindern,
  • Qualifizierungs- und Weiterbildungsmaßnahmen, die den Strukturwandel in Richtung wissens- und skillintensiver Dienstleistungsbereiche begleiten,
  • Anpassung der Maßnahmen zur Förderung der Investitionstätigkeit, Innovationstätigkeit, Forschung und Entwicklung an die immateriellen, nicht-technologischen Aspekte vieler Innovationen im Dienstleistungsbereich (neue Betriebs- und Arbeitsorganisation, effizientere Koordination innerbetrieblicher Netzwerke, Managementinnovationen usw.).

Die Studie von Yvonne Wolfmayr: Trade Barriers in Services and Competitive Strengths in the Austrian Service Sector. An Analysis at the Detailed Sector Level (FIW-Studie Nr. 007, 73 Seiten) wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit im Rahmen des Kompetenzzentrums FIW (Forschungsschwerpunkt Internationale Wirtschaft) erstellt und kann kostenlos von der FIW-Homepage heruntergeladen werden:
http://www.fiw.ac.at/fileadmin/Documents/Publikationen/fiwstudie7.pdf

Rückfragen & Kontakt:

Mag. Yvonne Wolfmayr, Tel. (1) 798 26 01/253,
Yvonne.Wolfmayr@wifo.ac.at

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