Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: Sozial mit Hirn

Ausgabe vom 30. Juni 2008

Wien (OTS) - Ob ich denn kein soziales Empfinden für arme Pensionisten hätte, die sich das Heizen im Winter nicht mehr leisten können? So wurde ich von einem empörten Leser gefragt, weil ich die Reaktionen auf die Preissteigerungen als Triumph der Dummheit kritisiert habe. Meine Antwort: Ich habe durchaus soziales Empfinden, ich kann mir Heizprobleme selbst mitten im Sommer vorstellen. Nur:
Ich mag es nicht, wenn Mitmenschlichkeit zur Ausschaltung des Hirns führt.
Deshalb darf man schon darauf verweisen, dass die Ausgleichszulagen seit Jahren weit mehr steigen als die Inflationsrate.

Ausgleichszulagen sind die garantierten Mindestpensionen für alle jene, die nicht dazu gekommen sind, ausreichend Pensionsbeiträge einzuzahlen: wegen Kindererziehung, wegen Arbeitslosigkeit, aber auch weil sie einen guten Teil ihres Lebens nach dem Motto "Ich bin doch nicht blöd" schwarz gearbeitet haben. Während jene Pensionisten, die einst überdurchschnittlich viel einbezahlt haben, mit Erhöhungen weit unter der Inflationsrate abgespeist wurden, bekamen die Ausgleichszulagenbezieher Erhöhungen nicht nur über der Inflationsrate, sondern auch über dem gewerkschaftlich ausgehandelten Lohnplus der aktiv Arbeitenden. Das sind alle jene, die unseren Wohlstand überhaupt erst ermöglichen, die damit von unserem Wohlfahrtsstaat die klare Botschaft bekommen: Du bist schön blöd.

Aber selbst wenn man diese Diskriminierung aus lauter Mitmenschlichkeit für legitim halten sollte, bleibt es immer noch ein moralischer Skandal, dass das alles mit Schulden finanziert wird. Was leicht geht, weil die nächste Generation, die das alles mit Wohlstandsverlust zu bezahlen haben wird, halt noch nicht wahlberechtigt ist. Keine Partei aber hat substanzielle Einsparungen vorgeschlagen.

Aber ein Teil der Inflation ist doch "hausgemacht", wenden nun manche ein. Lassen wir einmal die Merkwürdigkeit beiseite, dass nach dieser Logik in allen Ländern gleichzeitig eine plötzliche hausgemachte Inflation stattfinden muss. Fragen wir nur: Was kann Politik tatsächlich tun? Sie könnte beispielsweise etwas dagegen tun, dass im Handel Monopole entstehen. Sie könnte bei Strom und Gas für Wettbewerb sorgen. Doch halt - diese Energieversorger gehören den Bundesländern, die dort Protektionskinder mit Jobs versorgen können, oder mit den dortigen Marketing-Budgets Medien bestechen.

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