"Kleine Zeitung" Kommentar: "Auf dem Hochseil ins höchste Amt - oder in den Abgrund" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 25.07.2008

Graz (OTS) - Das Magazin "stern" berichtet, laut Umfragen würden
in Frankreich und England rund 80 Prozent der Wähler für Barack Obama stimmen. stünde er dort zur Wahl. In den USA indes liegt er nur knappe fünf Prozent vor seinem republikanischen Widerpart John McCain. - Das illustriert ganz gut den enormen Zwiespalt, den der nächste Präsident der USA, egal wie er heißt, überwinden muss.

Bei jenen, die ihre Hoffnungen auf Barack Obama setzen, ist eine geradezu überirdische Heilserwartung zu bemerken. Eine, die Obama selbst in zehn Amtsperioden nicht erfüllen könnte. Aber um wenigstens zu einer ersten zu kommen, geht er eine Gratwanderung, aus der der Absturz tief sein könnte, wenn er die Balance verliert.

Zum einen ist er von jener fundamentalistischen Frömmigkeit, die in den USA unerlässlich zu sein scheint, will man ins Präsidentenamt. Zum anderen werfen die Liberalen schon bei seinem Anblick vor Freude ihre Gebisse in die Luft.

Er ist ein Polit-Popstar. Nicht wie der bizarre Muammar al-Gaddafi oder der mörderische Osama Bin Laden oder andere Death-Rocker des Gewerbes. Obama polarisiert nicht, er verbindet, das ist eine hohe Kunst. Dass er schon weltberühmt ist, ohne für die Welt Großes geleistet zu haben, wird er noch als Hypothek wahrnehmen.

Seine Wahlversammlungen sind von kollektiver Euphorie getragen, wie man sie sonst bei Popkonzerten findet. - In der Politik eine nicht ganz ungefährliche Stimmung.

Seine Haut ist nicht wirklich schwarz und definitiv nicht weiß. Sieht man das optimistisch, könnte man sagen, Obama trägt den Teint der Zukunft.

Er geht auf Augenhöhe mit den kleinen Leuten und hat zugleich mit 1000 Helfern und rund 300 Millionen gespendeter Dollar die monströseste Wahlkampfmaschine laufen. (John Lennon war auch Millionär, als er den "Working Class Hero" pries.)

Barack Obama scheint zu wissen, dass die sinnvolle Vereinung von Gegensätzen enorme Kräfte entwickeln kann. Wenn eine politisch angeblich frustrierte Generation lauthals in seinen Slogan "Yes. We. Can!" einstimmt, so sind das die Früchte des Frusts, dessen Überwindung in neue Lust an neuer Politik mündet.

Zumal der farbige Messias seine moralischen Maß-stäbe hoch gesteckt hat, bleiben ihm schmutzige Tricks (soferne sie erkennbar werden) verwehrt. Und jede Enthüllung von Unregelmäßigkeiten seinerseits könnten böse enden.

Barack Obama ist ein Mann auf dem Hochseil. Ob es ihn ins höchste Amt oder in den Abgrund führt, wird sich weisen.****

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