Die Wahrheit ist manchmal bitter

"Presse"-Leitartikel, vom 25. Juli, von Josef Urschitz

Wien (OTS) - Auch wenn das viele Politiker nicht einsehen wollen:
Die AUA hat bei ihrer Partnersuche keine große Wahl.

Die AUA, ein stolzes Unternehmen mit aktuell 99 Passagierflugzeugen, ist an der Börse gerade noch so viel wert wie 1,5 (in Worten:
eineinhalb) besser ausgestattete Jumbo-Jets. Das heißt im Klartext, dass die internationalen Großanleger über das Unternehmen das Urteil "Hopfen & Malz verloren" gefällt haben.

Seit einigen Tagen steigt der Kurs aber wieder überaus stark. Das heißt übersetzt: Einige haben doch Hoffnung geschöpft, dass es noch was werden kann. Diese Hoffnung nährt sich aus dem vagen Verdacht, einige Noch-Regierungsmitglieder seien trotz Vorwahlgeplänkels so weit zu Sinnen gekommen, dass sie der ÖIAG nun doch kurzfristig den Auftrag für einen zumindest Teilverkauf des verbliebenen AUA-Staatsanteils erteilen. Und dass dieser Teil dann an einen strategischen Partner geht, der damit auch - im Sinne der heimischen Fluggesellschaft - etwas anfangen kann.

Zuletzt konnte man sich ja nur mit Grausen abwenden: Da ging es im Sturzflug bergab, begleitet von sinnentleerten Keppeleien im Stile der Muppet-Show aus Parlaments-Hinterbänken. Da war von "Prüfung aller Varianten", von "Standort" und anderen schönen, in Wirklichkeit längst geklärten Dingen die Rede. Da wurden von Wichtigmachern die abenteuerlichsten Varianten ins Spiel gebracht. Und dem Unternehmen lief unterdessen die Zeit davon.

Dabei ist allen Experten - wohl auch dem AUA-Vorstand - längst klar, wie der Hase läuft: Die österreichische Fluggesellschaft ist im anlaufenden Konzentrationsprozess der europäischen Luftfahrt für einen "Big Player" zu klein und für eine Nischenairline zu groß. In dieser Sandwichposition muss sie sich mit einem Großen in welcher Form auch immer arrangieren - oder sie wird abstürzen. Die viel beschworene "Stand alone"-Lösung ist die bestgeprüfte: Sie hat einen jahrzehntelangen Praxistest hinter sich - und nicht bestanden.

Das ist wirklich nichts Neues: Luftfahrtexperten prophezeien das seit gut einem Jahrzehnt. Und so lange war das (teilweise unter wütendem Dementi-Geheul aus der AUA-Zentrale) auch in dieser Zeitung zu lesen. Man muss den diversen AUA-Vorständen und auch dem Haupteigentümer ÖIAG also durchaus den Vorwurf machen, eine absehbare Entwicklung durch (politisch motivierten) hinhaltenden Widerstand unnötig verkompliziert zu haben.

Womit wir bei den jetzt möglichen Partnern wären: Die AUA und der Flughafen Wien brauchen einen Partner, der ihnen in seinem Netz eine spezielle Nischenrolle zuteilt. Das könnte beispielsweise ein Verkehrsknoten für kleinere Airports in Osteuropa und im Mittleren Osten sein. Eine Rolle, die die AUA jetzt schon mit ihrem Osteuropa-Netz spielt.

Von den vielen möglichen Partnern, die genannt wurden, könnten nur zwei diese Rolle ernsthaft unterstützen: AirFrance/KLM und Lufthansa. Nur die beiden können ausreichend Passagiere für dieses Netz "hereinschaufeln". Wir wollen ja der sicher fundierten Boston-Consulting-Studie nicht vorgreifen: Aber zu einem viel anderen Schluss kann die auch nicht kommen.

Und jetzt sehen wir uns einmal die Perle der AUA (und des Wiener Flughafens), nämlich das Osteuropa-Netz, genauer an: Das lebt derzeit, weil der österreichische Markt dafür zu klein ist, hauptsächlich von Passagieren, die über die deutsche Airline (und die Star-Alliance-Partner) nach Wien kommen. Die Lufthansa muss diesen Verkehr aber nicht über Wien leiten. Wenn sie ausgebootet wird, ist das viel gerühmte Osteuropa-Netz also erst einmal tot. Außer es gelingt der Air France, schnell ausreichend Ersatz zu beschaffen. Aeroflot, Air China oder Mittelost-Geschäftsleute mit zu viel Geld ergeben in diesem Universum keinerlei Sinn.

Eine Wahrheit, gegen die sich viele sträuben mögen, der man aber ins Gesicht sehen sollte. Denn eines ist klar: So gut und serviceorientiert die AUA auch sein mag - Fluggesellschaften dieser Größenordnung braucht in einem Europa ohne nationale Fluggesellschaften - und das Konzept der nationalen Airline ist wirklich mausetot - niemand mehr. Außer, sie können etwas, das andere nicht können. Oder sie bringen einem stärkeren Partner so viel Nutzen, dass er sie innerhalb seines Netzwerkes als eigene Marke leben lässt. Wie das beispielsweise Niki Laudas "fly Niki" bisher erfolgreich unter den Fittichen der (freilich selbst strauchelnden) Air Berlin praktiziert. Wenn sich diese Erkenntnis bis in die Noch-Regierung durchspricht und auch zu entsprechenden Aktionen führt, dann gibt es wieder Hoffnung.

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