"DER STANDARD"-Kommentar: "Altbekannte Sündenböcke - Das Wettern gegen Öl-Spekulanten ist unsinnig - und knüpft an unheilvolle Traditionen an" von Eric Frey

Ausgabe von morgen (ET 25072008)

Wien (OTS) - Der dramatische Anstieg der Erdölpreise hat nicht nur in Österreich eine hektische Suche nach Sündenböcken ausgelöst; schließlich - so die Überzeugung selbst gebildeter Leute - muss jemand dafür verantwortlich sein, dass alles teurer wird.
Und die Schuldigen waren rasch gefunden: Neben den üblichen Verdächtigen, den Ölmultis, stehen diesmal die Spekulanten am Pranger, die am Ölmarkt in Rotterdam die Preise hinauftreiben und sich auf Kosten normaler Bürger bereichern. Mit Angebot und Nachfrage habe diese Preisentwicklung nichts zu tun.
Das Bild der wild gewordenen Spekulation wird durch Zahlen bestärkt, die belegen, dass der Markt in Erdöl-Derivativen, also virtuellen Finanzprodukten auf Grundlage des Ölpreises, massiv gewachsen ist und inzwischen den eigentlichen Ölhandel um ein Vielfaches übertrifft. Dass zugleich das weltweite Finanzsystem in eine tiefe Krise gerutscht ist, ist Wasser auf die Mühlen jener Kritiker des Neoliberalismus, die schon von jeher die Finanzwelt für alle Probleme der heutigen Wirtschaft verantwortlich machen, etwa der Wifo-Ökonom Stefan Schulmeister. Sein Mantra ist die Unterscheidung zwischen einer produktiven Realwirtschaft, in der fleißige Arbeiter und Unternehmer echte Werte schaffen, und einer zerstörerischen Finanzwirtschaft, die durch gierige Spekulation diese Werte wieder zerstört.
Diese Ansichten sind aus mehreren Gründen problematisch: Sie ergeben volkswirtschaftlich wenig Sinn, sie führen politisch in die Sackgasse und sie verstärken populistische Reflexe, die gerade in Österreich eine unheilvolle Tradition haben.
Spekulation auf Rohstoffpreise ist keine neue Entwicklung. Jeder Bauer, der seine Ernte im Voraus verkauft, um Saatgut zu erwerben, spekuliert genauso wie der Käufer implizit auf bestimmte Preisentwicklungen. Die Erdöl-Spekulanten von heute sind etwa Fluglinien, die sich mit Hedging vor steigenden Kerosinpreisen schützen - was die AUA ja bekanntlich verabsäumt hat. Wer dies hingegen tut, trägt erst recht zum befürchteten Preisanstieg bei. Finanzinvestoren, die in Rohstofffonds anlegen, folgen damit den Empfehlungen jener Experten, die schon seit Jahren eine kommende Ölknappheit voraussagen. Nun ist die Versorgung mit Erdöl im Moment tatsächlich besser, als es der tägliche Spotpreis suggeriert. Aber es liegt in der Natur funktionierender Märkte, dass sich Zukunftserwartungen sofort im Preis niederschlagen. Die Spekulanten von Rotterdam treiben nicht den Preis, sie lassen sich treiben - und können mit ihren Wetten genauso leicht Geld verlieren wie gewinnen. Auch die von Schulmeister und Co verteufelte Finanzwirtschaft ist kein eigenständiges Wesen, sondern ein integraler Teil der Realwirtschaft. Sie mag manchmal auf Abwege geraten, aber das tut die übrige Wirtschaft auch.
Die Hauptursachen der jetzigen Finanzkrise stecken etwa in Ziegel und Beton: In den USA, Irland oder Spanien wurden viel zu viele Häuser gebaut, die nun niemand kaufen will. Dazu kommt, dass die Amerikaner über ihre Verhältnisse leben. Der Beitrag der Banken bestand darin, diese Probleme in alle Welt zu tragen. Dies macht die Krise zwar breiter, aber nicht unbedingt schlimmer.
Zugegeben, auch in den USA sind "Speculators" derzeit beliebte Zielscheiben und dienen als Vorwand für unsinnige Gesetzesvorschläge. In Europa haben solche Parolen einen noch schlechteren Klang. Denn das Wettern gegen Spekulanten und Finanzhaie - als Feinde einer bodenständigen Wirtschaft - ist fester Bestandteil des traditionellen Antisemitismus.
Diese Assoziationen sollten einer vernünftigen wirtschaftspolitischen Debatte nicht im Wege stehen. Aber sie sind ein weiterer Grund, auf vorschnelle Schuldzuweisungen zu verzichten.

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