Versöhnung mit Judentum Voraussetzung für spirituelle Erneuerung

Wien: Präsentation des neuen Buches des Kommunikationswissenschaftlers Maximilian Gottschlich über christlich-jüdische Versöhnung

Wien, 24.7.08 (KAP) Ein leidenschaftliches Plädoyer für christlich-jüdische Versöhnung hat der Wiener Kommunikationswissenschaftler Prof. Maximilian Gottschlich mit seinem neuen Buch "Versöhnung. Spiritualität zwischen Thora und Kreuz" vorgelegt. Als Kommunikationswissenschaftler und theologischer Laie, der sich sowohl im Christentum als auch im Judentum beheimatet fühle, beschäftige er sich seit 20 Jahren mit diesem Thema, sagte Gottschlich im Wiener "Club Stephansplatz 4" bei der Präsentation des im "Böhlau"-Verlag erschienenen Buches. 1988 habe Johannes Paul II. bei seinem Wien-Besuch die Versöhnung mit dem Judentum "auf allen Ebenen" als zentrale Aufgabe für heutige Christen bezeichnet. Doch seither sei in dieser Hinsicht wenig geschehen, was über die "Gelehrtenstuben der Theologen" hinausgehe; er habe den "Eindruck eines Stillstandes" im jüdisch-christlichen Dialog, so Gottschlich. Durch die Auseinandersetzungen um die neuformulierte Fürbitte für die Juden in der Karfreitagsliturgie nach "altem Usus" sei es sogar zu einem Rückschlag gekommen. Und doch sei die Versöhnung mit dem Judentum die Voraussetzung für eine "spirituelle Erneuerung des Christentums".

Prof. Gottschlich formulierte seine Grundüberzeugung, dass ohne eine tragfähige Versöhnung mit dem Judentum auch das Christentum an seiner Substanz Schaden nimmt. Diese Versöhnung wäre nach Auschwitz und dem "langen Schatten der Shoah" ein "psychohygienischer Akt für das Christentum". Wörtlich stellte der Wiener Kommunikationswissenschaftler fest: "Versöhnung mit dem Judentum ist die zentrale und vordringliche Aufgabe für das Christentum am Beginn des dritten Jahrtausends. Das ist die Kirche den Juden nach 20 Jahrhunderten des christlichen Antisemitismus und Judenhasses schuldig. Und das sollte das Christentum auch sich selbst schuldig sein: Denn die Christen wurden selbst zu Opfern ihres eigenen Antisemitismus. Dass sie dies in ihrer großen Mehrzahl bis heute noch nicht erkannt haben, liegt in den vielfältigen Mechanismen kollektiver Verdrängung und Schuldabwehr".

Als besonderen "Fingerzeig" betrachtet es Gottschlich, dass nach einem polnischen nun ein deutscher Papst an der Spitze der Kirche stehe, der gleichsam "aus von Blut getränktem Boden" komme und hier eine besondere Verantwortung habe, Theologie, Liturgie, Religionspädagogik, christliches Selbstverständnis so neu zu positionieren, dass Christentum nicht mehr in Abgrenzung zum Judentum verstanden werden kann, sondern die "messianische Weggemeinschaft" beider Religionen in den Vordergrund rückt. "Es gibt kein Christentum ohne das Judentum", betonte der Wiener Kommunikationswissenschaftler, "man kann nicht gegen das Judentum oder an ihm vorbei Christ sein".

Gottschlich nannte den Verzicht auf Judenmission und jeglichen "Heilstriumphalismus" als wesentliche Voraussetzung für einen gelungenen Dialog mit dem Judentum. Es gehe darum, den "anderen" anzunehmen, wie er ist, ja ihn in seiner "Andersartigkeit" zu stärken. An die Stelle von "Konversion" müsse "Konvergenz" treten. Christliche Spiritualität müsse sich aber auch bewusst sein, dass sie heute "Spiritualität nach Auschwitz" sei. Auschwitz dürfe nicht als "Unfall der Geschichte" uminterpretiert werden, als Christ müsse man vielmehr in einer "Grundhaltung der Scham" die Shoah als "Wendepunkt" der Geschichte annehmen. Gottschlich zitierte den Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel: "Der nachdenkliche Christ weiß, dass in Auschwitz nicht das jüdische Volk gestorben ist, sondern das Christentum". Dieser Satz beziehe sich vor allem darauf, dass die Christen nichts oder zu wenig getan hätten, um dem neuheidnischen Nationalsozialismus entgegenzutreten. Versöhnung müsse aber auch "aus dem Herzen jedes Christen" kommen, sie bleibe leer, wenn sie sich nur auf akademischer oder politischer Ebene vollziehe.

Angesichts der heute verbreiteten Neugnosis (Stichwort "new age"), die Gott als transzendentes Gegenüber ausblendet, gehe es für beide Religionen darum, den vielen spirituell Suchenden "den reichen Schatz der jüdisch-christlichen Mystik" als Heimat anzubieten, unterstrich Gottschlich. Christen und Juden verbinde die Überzeugung, dass Gott ein konkretes "Du" ist, kein unpersönliches "Es".

Mit vielen auch persönlichen Anmerkungen in seinem Buch habe er aufzeigen wollen, dass es "lebbar" sei, "als Christ jüdisch zu denken und zu fühlen". In der Terminologie des NS-Rassenwahns wäre er "Mischling zweiten Grades", erzählte Gottschlich. Heute verstehe er sich als "religiöse Mischexistenz", als katholischer Christ, der am Sonntag die Heilige Messe besucht, der aber auch den Schabbat und die großen jüdischen Festtage feiert. Er habe vor 30 Jahren - während der Friedensgespräche in Camp David - aus Überzeugung auf dem Ölberg in der Kirche "Dominus flevit" geheiratet, "einem christlichen Gotteshaus, das auf Jerusalem hin transparent ist". Aber als er mit seinem fünfjährigen Sohn an der Hand 1984 bei einem Rabbi in Netanya - es war der spätere Großrabbiner Israel Meir Lau - wegen eines Übertritts zum Judentum vorstellig wurde, habe ihm dieser davon abgeraten mit dem Hinweis, die Juden bräuchten vielmehr unter den Christen "Freunde", so Gottschlich. (ende)
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