Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Wir gegen alle"

Ausgabe vom 23. Juli 2008

Wien (OTS) - Die Festnahme des Radovan Karadzic war ein elektrisierender Moment. Der Mann mit seinen wild sprießenden Kopf-und Barthaaren erinnert total an Saddam Hussein in seinem Erdloch. Nur hat Karadzic die letzten Jahre gutbürgerlich als Arzt mitten in Belgrad leben können und ist dabei von keinem Patienten erkannt worden. Ziemlich gespenstisch.

Für Europa bedeutet die Festnahme einen großen Triumph. Juristische Beharrlichkeit hat den Stein des serbischen Nationalismus ausgehöhlt. Die Attraktivität Europas, genauer gesagt: Das Fehlen von Alternativen zu einem Arrangement mit der EU hat über alle trotzigen Sprüche nach dem Motto "Wir gegen alle" gesiegt. Dies ist übrigens auch eine Lehre für ähnlich gelagerte Illusionen anderswo. Die EU ist für viele Völker alles andere als liebenswert, aber ohne sie droht Verelendung.

Die serbischen Motive für heftige antieuropäische Gefühle sind ja an sich weit stärker als das hiesige Gemäkel über die angeblich von der EU verschuldete Teuerung. Die Serben mussten mehrere als ungerecht empfundene Niederlagen gegen die mit der EU (und vor allem mit den USA) verbündeten Mit-Jugoslawen hinnehmen; sie sind mit der noch nicht verdauten Unabhängigkeit des Kosovo konfrontiert; und jetzt mit der erzwungenen Auslieferung des Nationalhelden Karadzic.

Die EU wäre gut beraten, dem Nationalgefühl der Serben auch Streicheleinheiten zu schenken. Ein total frustrierter Nachbar könnte nämlich allen anderen das Leben im gemeinsamen Haus vergällen.

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Spektakulär ist auch die nunmehr rechtskräftige Verurteilung des Wiener Landespolizeikommandanten Roland Horngacher. Er ist ein Mann, der zuerst als Klassenkämpfer bei der Wirtschaftspolizei den Rambo gegen Unternehmer gespielt hat, der dann dank Parteibuch zu höchsten Polizeiehren kam und der sich schließlich im absurden Kleinkrieg gegen andere polizeiliche Parteifreunde massiv in Halbwelt-Intrigen verstrickte.

Horngacher ist bisher als erstes Kapitel der polizeilichen Schmutzgeschichte korrekt abgehakt. Der Rest sind vorerst politisch motivierte Anzeigen und Intrigen. Nicht nur das Medienrecht, sondern auch Erfahrung und Vernunft lehren: Warten wir in aller Ruhe, wie viel vom Rest zu einem Urteil führen wird. Denn viele spektakuläre Anzeigen landen ja am Schluss in der großen Ablage.

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