WirtschaftsBlatt-Kommentar: Kalter Krieg - Wiederholt sich die  Geschichte? - von Herbert Geyer

Der Westen sollte sich diesmal einen Kalten Krieg gut überlegen

Wien (OTS) - Die Nachrichten klingen bedrohlich: Im Kreml wird die Stationierung von atomwaffenfähigen Langstreckenbombern auf Kuba diskutiert. Die historischen Parallelen sind unübersehbar: Schon 1961 brachte der damalige Kreml-Chef Nikita Chruschtschow die Welt an den Rand eines Atomkrieges, als er mit Kernsprengköpfen ausgerüstete Mittelstreckenraketen auf der Zuckerinsel in der Karibik stationierte.

Die Geschichte scheint sich zu wiederholen: Als Chruschtschow damals seine Raketen stationierte, war John F. Kennedy eben erst als US-Präsident angelobt worden, als Außenpolitiker hatte er noch kein Profil - jetzt kommt die russische Drohung am Ende einer ohnehin schwachen US-Präsidentschaft, und beide möglichen Nachfolgekandidaten von George W. Bush sind außenpolitisch völlig unerfahren.

Dass der Kreml diese Parallelen kennt - und sogar bewusst setzt -dürfen wir ebenso als gegeben annehmen wie die Tatsache, dass eine wirklich geheime Stationierung von Kampfflugzeugen auch geheim bliebe. Wenn russische Zeitungen jetzt also von solchen Plänen berichten, dann sind diese zur Veröffentlichung bestimmt. Und das ist ein ganz entscheidender Unterschied zu 1961: Damals wurden die fertigen Raketenbasen erst durch US-Aufklärer entdeckt. Auch die im selben Jahr erfolgte Errichtung der Mauer von Berlin wurde erst bekannt, als der Bau begann.

Die Aktionen Chruschtschows dienten dazu, im Kalten Krieg Gebietsgewinne zu erzielen bzw. für kommende Auseinandersetzungen weiche Flanken abzudecken - während die aktuelle Politik des Kremls zunächst einmal Drohgebärde ist. Eine Drohgebärde, die darauf abzielt, den Ausbruch eines neuen Kalten Krieges zu verhindern.
Dazu kommt ein ganz wesentlicher weiterer Unterschied: Mit Dimitri Medwedew sitzt auch im Kreml ein neuer Mann ohne außenpolitisches Profil, der sich mit seinen Aktionen auch innenpolitisch erst ein eigenes Standing erarbeiten muss.

Und was einen künftigen Kalten Krieg vom letzten ganz gewaltig unterscheidet: Während die Sowjetunion dem Westen schon vom Wirtschaftssystem her klar unterlegen war und letztlich am Rüstungswettlauf zugrunde gegangen ist, sitzt das rohstoffreiche Russland jetzt wirtschaftlich eindeutig auf dem längeren Ast als die USA - ganz abgesehen davon, dass die Verbündeten des Westens in Europa durch russische Gaslieferungen erpressbar sind.
Die Geschichte muss sich nicht wiederholen. Der Westen sollte es sich diesmal sehr genau überlegen, ehe er sich auf einen neuen Kalten Krieg einlässt.

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